Was die Sage raunt

 

DIE DRACHENJÄGER

 

Kommt her, hört hin, ihr lieben Leut,
ich will vom Drachen berichten heut.
Hat scharfe Zähne, ein schreckliches Maul,
verschluckt aufs Mal einen ganzen Gaul.

 

Es stöhnt der Mensch, es ächzt das Land,
das Untier speit Flammen, setzt Wälder in Brand,
reisst Rehe, schlingt Schafe in grosser Zahl,
es ist eine Plage, es ist eine Qual.

 

Und wenn den Lindwurm Hunger plagt
weil längst er den Wald hat leer gejagt,
dann schleicht er zum Bauern in tiefer Nacht
und holt seine Tochter, bevor wer erwacht.

 

Zwei Adlige bauten sich ein Schloss
und sattelten dann das schnelle Ross.
Den Drachen bezwingen, das ist ihr Ziel,
den Unhold vernichten mit Stumpf und Stiel.

 

Graf Sintram nennt sich der eine Held,
Graf Bertram zieht mit ihm ins Feld.
Die Brüder spüren den Drachen auf,
das Untier empfängt sie mit feurigem Schnauf.

 

Die beiden Helden blasen zum Sturm,
ziehn ihre Schwerter, bedrängen den Wurm.
Doch dieser weicht keinen Fuss zurück,
verschlingt Graf Bertram in einem Stück.

 

Hoho, wie da Sintram in Zorn gerät
und wild mit der Klinge säbelt und mäht!
Schon bald liegt der Drache zerspalten im Blut
bezwungen durch Sintrams gewaltige Wut.

 

Wer kriecht da hervor aus dem Drachenhaupt?
‘s ist Bertram, von uns schon verloren geglaubt!
Obwohl verschluckt, blieb er unversehrt,
geschwind zurück er ans Tageslicht kehrt.

 

Der Jubel der beiden Brüder ist laut,
sie danken der Heil’gen, auf die sie vertraut
und geloben, zum Denkmal an diesen Krieg
ein Kapellchen zu stiften für ihren Sieg.

 

Dies Kirchlein errichten die Grafen im Schloss,
bemalen die Wände mit Mann und Ross
und auch mit dem Drachen im Todeskampf
umgeben von giftigem Schwefeldampf.

 

Das Gewölbe ist Margarethen geweiht,
der Heil’gen, die böse Drachen vertreibt.
Hier kehren die Brüder des Öfteren ein
zur Andacht bei Weihrauch und Kerzenschein.

 

Verschwunden ist heute der heilige Ort,
verschüttet ist auch des Drachen Hort.
Geblieben ist nur ein raunender Hauch,
zwei Sagengestalten – ein flüchtiger Rauch.