Prolog

Ein langer, leerer Korridor, erhellt von gläsernen Birnen, die von innen her auf unerklärliche Weise leuchten und so gar nichts gemein haben mit den mir vertrauten Kerzen- und Öllichtern. Von fern ertönt ein vielstimmiges, obszönes Geschrei. Wir sind auf der Flucht vor diesem Lärm und dem blutigen Geschehen, das sich damit verbindet. Wir, das sind der Bootsmann und ich. Fliehen. Weg, nur weg. Unsere gehetzten Schritte widerhallen von den nackten Wänden aus einem grauen Material, das sich fest und kühl anfühlt wie Stein, aber nicht Stein sein kann, weil es nahtlos gegossen ist.

 

Fliehen. Unvermittelt stehen bleiben, stutzen. Aus dem Boden quillt der Helm eines Ritters, wächst zur vollen Grösse heran wie ein giftiger Pilz nach dem Regen, ein Topfhelm, der den Kopf rundum in Metall hüllt und in einem bösartigen Schlitz nur die Augen freilässt.

 

Los jetzt. Fliehen, rennen, das Herz rast, die Lungen pumpen. Dem Krieger zu entkommen versuchen, bevor er aus dem unteren Gang zu uns hochgestiegen ist. Wir kommen nicht vom Fleck, Blei in den Füssen, alptraumhaft. Der Krieger wächst und wächst, da sind seine Brust, sein Bauch, seine Oberschenkel…

 

Nichts wie weg, nur nicht kämpfen, wir hätten keine Aussicht auf einen Sieg, der Mann ist ein Hüne, ein wahrer Goliath, und hinter ihm drängen weitere Krieger nach, sie sind noch nicht zu sehen, aber deutlich zu hören.

 

Blei in den Füssen. Wir sind zu langsam. Zwei weitere Ritter tauchen klirrend auf. Der Riese und die beiden anderen, nur um weniges kleineren Krieger versperren uns den Weg. An ihnen gibt es kein Vorbeikommen.

 

Des Bootsmanns Schwert fährt zischend wie eine gereizte Schlange aus der Scheide. Ein Aufblitzen, ein gurgelnder Schrei! Mein Gefährte hat einen der beiden nachgerückten Kämpfer mit einem einzigen Hieb niedergestreckt. Und schon geht er auf den Zweiten los. Das bösartige Singen von Klingen, die aufeinander prallen.

 

(Hans Herrmann, aus «Im Garten der Hesperiden», historischer Roman, Atlantis Verlag, 2. Auflage 2014)