Du sollst dir ein Bildnis machen

 

«Hier ist es», sagte ich und deutete auf eine Stelle in der Felswand.

Thomas sah hin und kniff die Augen zusammen. «Mir fällt nichts auf.»

«Das ist aus der Nähe auch gar nicht möglich. Komm, wir gehen ein paar Schritte weiter», erwiderte ich.

Nach zwanzig, dreissig Metern blieb ich stehen und wandte mich um.

«Na, siehst du es jetzt?»

Thomas stiess einen erstaunten Ruf aus. «Wahnsinn! Das ist ja… unglaublich! Ein Naturphänomen der Sonderklasse, einfach fantastisch.»

«Ja – wenn hier denn wirklich die Natur am Werk war. Aber deshalb bist ja du da. Du als Geologe sollst mir sagen, was das ist.»

Wir gingen zurück. Thomas begann, die Stelle in der Felswand systematisch zu untersuchen. Das sanft plätschernde Wasser der Emme reichte uns bis knapp unter die Knie.

Thomas fotografierte das Gebilde, machte eine Skizze, beklopfte das Gestein sachte mit seinem Geologenhammer und kratzte an verschiedenen Stellen kleine Proben heraus, die er in einem halben Dutzend Plastikdöschen verstaute.

Nach zwanzig Minuten traten wir den Rückweg an, teils über die breiten, von der Sommersonne erhitzten Kiesbänke, teils durch das seichte Wasser.

«Ich kann es noch nicht abschliessend sagen, doch ich würde mal behaupten, das Ding stammt nicht von Menschenhand», sagte Thomas.

«Aber natürlichen Ursprungs kann es auch nicht sein – so etwas gibt es in der Natur ja gar nicht», entgegnete ich.

«Vielleicht doch, in seltensten Ausnahmefällen. Wenn ich die Proben im Labor untersucht habe, wissen wir’s definitiv.»

 

Drei Tage später rief mich Thomas an.

«Also, wir haben jetzt die Bestätigung», sagte er. «Deine Entdeckung ist hundertprozentig das Werk der Natur. Kein künstlicher Mörtel, nichts. Nur Kiesel in einem Bindemittel aus Sand, der vor Jahrmillionen von gewaltigen Naturkräften zu Stein gepresst wurde. Waschechte Emmentaler Nagelfluh, amtlich geprüft und mit Echtheitsgarantie, sozusagen.»

Ich schwieg.

«Hallo? Bist du noch dran?», fragte Thomas.

Ich fasste mich. «Ja, ich habe zugehört. Mit diesem Befund war zu rechnen, aber er macht mir Kopfweh. Um ehrlich zu sein, finde ich das Ganze ziemlich unheimlich.»

 

Begonnen hatte es acht Tage zuvor an einem heissen, wolkenlosen Sommersonntag. Ich war ins obere Emmental nach Eggiwil gefahren und von dort weiter bis zur Brücke, die in Hintersorbach über die Emme führt. Dort stellte ich das Auto ab und ging zu Fuss weiter. Ich suchte die Einsamkeit dieser wilden Flusslandschaft, den Schatten der Tannen und die Kühle des Wassers.

Mein Weg führte am rechten Ufer flussaufwärts durch den Auenwald. Nach zehn Minuten überquerte ich eine schmale Hängebrücke. Auf der anderen Seite kam ich an einem einsamen kleinen Bauernhaus vorbei, das sich an den bewaldeten Steilhang schmiegte. Kurz darauf bog der Trampelpfad ab und führte auf eine Kiesbank am Fluss, wo er sich im groben Geröll sofort verlor.

Vor mir lag ein unberührtes Stück Natur. Das Wasser der Emme floss glasklar zwischen den Geröllstreifen dahin. Auf dem Kies lag wie hingestreut blank poliertes Schwemmholz umher. Zu beiden Seiten des Flusses erhob sich ein steiler Waldhang, an dem sich stellenweise der nackte Fels in Form von Nagelfluh zeigte.

Nagelfluh ist ein Sedimentgestein, das aus abgerundetem Flussgeröll in unterschiedlicher Farbe und Grösse vom Kirschkern bis zur Männerfaust besteht. Zusammengehalten werden die Steine von einem natürlichen, feinkörnigen, sandsteinartigen Bindemittel. An der Oberfläche ragen die einzelnen Kiesel wie polierte Nagelköpfe vor, deshalb bezeichnet man solche Sedimentfelsen als Nagelfluh.

Die nackten Füsse in dick besohlten Sandalen, die Hosen hochgekrempelt, suchte ich mir meinen Weg flussaufwärts auf dem holperigen Kies und durch das meist seichte Wasser. Entdeckerlust hatte mich gepackt. Ich wollte wissen, was hinter der nächsten Biegung zum Vorschein kam, dann hinter der übernächsten und schliesslich hinter der dritten und vierten.

Steiler und steiler wurden die Felswände, auch rückten sie immer enger zusammen. Der Wald wurde dunkler und dichter, die atmosphärische Stimmung zunehmend unwirklich. Einmal öffnete sich zwischen den Stämmen der Fichten eine Naturwiese, die fast paradiesisch anmutete, dann wurde das Ufer wieder felsig, moosig und waldig. Links und rechts tropfte es von unzähligen Rinnsalen.

Irgendwann beschloss ich umzukehren. Ich wollte es mir weiter vorne an einem schönen Plätzchen gemütlich machen und ein bisschen in den Tag hineinträumen.

Auf dem Rückweg sah ich es. Auf Augenhöhe in einer Felsbiegung, deren hintere Seite ich beim Hinweg nicht beachtet hatte. Ein Porträtbild, eine Art Mosaik, das unverkennbar das Gesicht einer Frau zeigte, etwas schematisch zwar, aber zweifelsfrei ein sorgfältig und gekonnt gestaltetes Gesicht mit geheimnisvollen Zügen, umrahmt von schwarzem, lang herabfallendem Haar. Je näher ich kam, desto gröber zeigte sich die Darstellung, und ganz aus der Nähe waren nur noch die einzelnen Bestandteile auszumachen, ohne dass sie sich zu einem erkennbaren Bild gefügt hätten.

Am ehesten war das Mosaik mit einem sehr groben Pixelraster an einem Computerbildschirm zu vergleichen. Im Grossformat beziehungsweise aus der Nähe liess sich darin nichts erkennen; sobald man es jedoch aus Distanz betrachtete, gewann es an Deutlichkeit und Kontur. Es bestand aus walnussgrossen Kieseln, die in schnurgeraden Linien waagrecht und senkrecht auf einem quadratischen Raster von einem Meter Seitenlänge angeordnet waren. Jede Linie enthielt genau 25 Kiesel; das machte 625 Stück für das ganze Bild, wie ich rasch ausrechnete. Fünf natürliche Steinfarben kamen vor, Schwarz, Weiss, Hellbraun, Grün und Rot. Kein Zweifel: Hier war ein Land-Art-Künstler am Werk gewesen.

Und doch zweifelte ich. Die Rastersteine wirkten so natürlich in die Nagelfluh eingebettet, als seien sie schon seit Urzeiten Teil dieser Wand, und auch der Mörtel machte in keiner Weise einen künstlichen Eindruck.

Deshalb rief ich noch am selben Tag meinen Freud, den Geologen, an und bat ihn aufgeregt um einen Augenschein vor Ort. Am Freitag zogen wir los, um das geheimnisvolle Bildnis zu zweit aufzusuchen.

 

Thomas bestätigte mit seinem Expertenurteil nur, was ich schon von Anfang an vermutet und befürchtet hatte: Das Porträtmosaik war eine Laune der Natur.

«Und warum macht dir das Angst?», wollte er wissen, als er mir am Telefon die Ergebnisse seiner Labortests mitteilte.

«Weil es widernatürlich ist, unheimlich und dämonisch», antwortete ich. «Es gibt Launen der Natur, einverstanden, aber doch nicht solche. Doch kein Frauengesicht, das rein zufällig vor Millionen von Jahren in einer Rastertechnik entstanden ist, wie wir sie erst seit ein paar Jahrzehnten kennen. Nein, das kann nicht sein. Und trotzdem ist es Realität – diese Vorstellung macht mich verrückt.»

«Ich weiss, was du meinst», erwiderte Thomas. «Aber versuch doch mal, es positiv zu sehen. Du hast eine sensationelle Entdeckung gemacht, eine, die das Infinite-Monkey-Theorem beweist. Hast du schon mal davon gehört?»

«Kann mich nicht erinnern.»

«Also, das ist der Lehrsatz, wonach ein Affe, der beliebig lange in beliebiger Reihenfolge auf einer Schreibtastatur herumhackt, irgendwann das Gesamtwerk von William Shakespeare geschrieben haben wird, oder Goethes Faust, oder die Bibel. Irgendwann, in einer ewig entfernten Zukunft.»

«Und – warum sollte mich das beruhigen?», fragte ich.

«Weil die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas Unglaubliches wie das Pixelbild in der Nagelfluh rein zufällig und auf natürliche Weise entsteht, nicht null ist. Sie geht gegen null, ja. Aber sie ist nicht null. Eine Restwahrscheinlichkeit besteht immer. Und die ist in unserem Fall nun eben eingetroffen. Damit kann man doch leben, oder?»

«Ja, das leuchtet einigermassen ein, aber trotzdem…» Vollständig überzeugt hatte mich Thomas nicht.

«Du solltest damit an die Öffentlichkeit gehen», meinte er. «Das ist eine statistische Sensation, eine Jahrhundertentdeckung.»

«Will ich nicht. Ich finde es besser, das Geheimnis ein Geheimnis bleiben zu lassen. Sobald es an die Öffentlichkeit gelangt, wird es in der stillen Gegend von gierigen Selfie-Jägern nur so wimmeln. Diese Vorstellung ist mir zuwider.»

«Wie du meinst. Es ist schliesslich deine Entdeckung. Solltest du dich aber einmal anders besinnen, lass es mich wissen. Ich bin als Fachmann jederzeit gerne bereit, den natürlichen Ursprung dieses Kunstwerks öffentlich zu bestätigen.»

 

Ich beschloss, mich mit meiner Entdeckung an Fabienne de Lafontaine zu wenden, eine Religionswissenschaftlerin, Psychologin und Autorin, mit der ich gut befreundet war. Fabienne hatte nicht nur einen soliden intellektuellen Hintergrund, sondern auch viel Fantasie und eine mystische Ader. Nach bewegten jungen Jahren hatte sie sich in Genf niedergelassen, war mit fünfzig aber ins Emmental gezogen, in einen umgebauten Speicher in der Nähe eines abgelegenen Bauernhofs.

Wer das kleine, zweistöckige, von einem idyllischen Strauchgarten umgebene Holzhaus betrat, befand sich mit drei Schritten mitten in der Wohnstube, die eine abenteuerliche Mischung aus Salon, Arbeitszimmer, Bibliothek und Museum war, und das alles auf engstem Raum und in buntem Durcheinander.

Fabienne hatte Tee gebraut, Earl Grey, ihre Lieblingssorte, und dazu türkische Süssigkeiten aufgetischt. Wir sassen einander an einem ovalen, soliden Nussbaumtisch gegenüber, sie auf einem Biedermeiersofa, ich auf einem rot gepolsterten Lehnsessel. Ich hatte ihr vor meinem Besuch einen kurzen Bericht und ein paar Aufnahmen vom Rasterbild in der Nagelfluh gemailt. Die Fotos lagen ausgedruckt vor uns auf dem Tisch.

«Was glaubst du, was das ist?», fragte sie.

«Nichts von Menschenhand, wie ich dir geschrieben und auch am Telefon gesagt habe, sondern ein Werk der Natur, reiner Zufall», sagte ich.

«Natur ja, Zufall nein. Solche Zufälle gibt es nicht. Vielleicht in der Statistik, aber nicht in der Wirklichkeit», erwiderte sie.

«Das dachte ich zuerst auch, aber Thomas – du weisst schon, der Geologe – hat mir erklärt, dass solche Zufälle möglich sind. Das beruhigt mich ungemein.»

«Was ist denn so beunruhigend an einem Porträt in der Natur, das zwar nicht von Menschenhand stammt, aber auch keine Laune des Zufalls ist?», konterte sie.

Ich griff in die Porzellanschale und schob mir eines dieser türkischen, nach Rosenöl schmeckenden Zuckerhäppchen in den Mund.

«Was daran so beunruhigend ist?», antwortete ich schliesslich. «Nun – auch wenn es absurd scheint: Es könnte ein Zeichen sein. Das Zeichen einer dunklen Macht. Etwas Schicksalhaftes. Da ist mir Zufall halt schon viel lieber.»

«Leider muss ich dich enttäuschen. Von Zufall kann hier keine Rede sein. Schau mal, ich habe etwas herausgefunden.»

Sie nahm zwei lose Blätter von einem Papierstapel und legte sie zu den Fotos auf den Tisch. Das eine Blatt zeigte einen ausgedruckten Ausschnitt der Mona Lisa aus dem Louvre, stark fokussiert auf Kopf und Brust. Das andere war ein Bogen Transparentpapier, auf dem Fabienne mit schwarzem Stift die gezoomten Umrisse des weltbekannten Gemäldes exakt abgepaust hatte.

«Nun schau mal», sagte sie und legte die Pause über eines meiner Fotos.

Ich hielt die Luft an: Die Umrisse der Mona Lisa deckten sich haargenau mit den Umrissen des anonymen Frauenkopfs auf dem Nagelfluhmosaik.

«Was sagst du nun? Willst du deinen Fund immer noch dem grossen Meister Zufall zuschreiben?», fragte mich Fabienne triumphierend.

«Dieser Punkt geht an dich», gab ich widerstrebend zu. «Aber damit wird es immer unglaublicher und unheimlicher. Ich entdecke an einer Felswand an der Emme ein natürlich entstandenes Rasterbild mit einem Frauenkopf, und du zeigst mir, dass es ein genaues Abbild der Mona Lisa von Leonardo da Vinci ist. Für mich der reinste Albtraum – als würde die Welt aus den Fugen geraten.»

«Du sagst es falsch», korrigierte sie mich. «Das Bild in der Nagelfluh ist nicht ein Abbild der Mona Lisa. Diese ist vielmehr ein Abbild des Mosaiks. Vergiss nicht: Die Darstellung in der Felswand ist einige Millionen Jahre alt, das Gemälde von Leonardo bloss 500 Jahre. Macht ja auch Sinn: Der Künstler wird von der Natur inspiriert, nicht die Natur vom Kunstwerk.»

«Das würde aber bedeuten», spann ich den Faden weiter, «dass der geniale Italiener irgendwann einmal an der Emme war, das Rasterbild entdeckte und als Vorlage für sein Gemälde verwendete. Das ist jedoch höchst unwahrscheinlich. Ich kenne Leonardos Biografie nur flüchtig, aber für eine Reise ins Emmental gibt es keinen Hinweis.»

Fabienne lächelte fein und nahm einen Schluck Tee. «Muss er denn ins Emmental gereist sein? Ich denke nicht. Er wird dieses Eidolon woanders gesehen haben. Darum handelt es sich nämlich: um ein Eidolon, ein Urbild. Um den sichtbaren Fussabdruck einer unsichtbaren Realität, die sich zuweilen in verwachsenen Bäumen und Wurzeln ausdrückt, in markanten Felsformationen, flüchtigen Wolkenimpressionen und dem subtilen Spiel von Licht und Schatten. Urbilder stehen für etwas Geistiges, Zeitloses, Gegensatzloses, ewig in sich Ruhendes. Mit anderen Worten: Deine Emmefrau zeigt einen Aspekt des Absoluten, das sich an anderen Orten unter Umständen in exakt derselben Weise offenbart, an einer Felswand in der Toskana vielleicht, in einem Wadi in der Sahara, in einer Schlucht in Alaska – höchst selten zwar, aber dafür umso eindrücklicher.»

«Du meinst also, Leonardo habe dasselbe Bild gesehen wie ich, nur zu einem anderen Zeitpunkt an einem anderen Ort, und habe sich davon zu seiner Mona Lisa inspirieren lassen?»

Fabienne nickte. «Du sagst es. Die Details, die das Urbild weglässt, hat Leonardo mit seinem feinen Künstlersinn erspürt und ausgearbeitet zu jenem Porträt, das die Menschen seit Hunderten von Jahren in seinen Bann zieht. Diese Faszination hat einen ganz besonderen Grund. Eingeweihte kennen ihn, wagen aber nicht, ihn zu benennen.»

«Warum denn nicht?»

«Weil es in den Augen mancher Menschen Blasphemie wäre – und sich in den Ohren anderer wie Schwachsinn anhören würde.» Fabienne lächelte wieder ihr feines Lächeln, fast wie Mona Lisa.

«Jetzt spann mich doch nicht auf die Folter», sagte ich. «Was ist das Geheimnis der Mona Lisa?»

«Ahnst du es nicht?»

«Nein, ich muss passen.»

«Na gut.» Fabienne machte eine kleine Kunstpause. «Wie heisst es doch in der Bibel? Du sollst dir kein Bildnis machen. Weil niemand weiss, wie Gott aussieht. Was aber, wenn sich Gott zuweilen selbst als Bild offenbart? Ist der ein Frevler, der die Inspiration aufgreift und daraus ein Gottesbild macht? Urteile selbst.»

Erschüttert sass ich da und liess die Worte von Fabienne nachwirken.

«Du willst also sagen, dass…», brachte ich schliesslich heraus, «dass Mona Lisa…» Unvollendet liess ich den Satz in der Schwebe.

«Genau», bestätigte Fabienne, die wusste, dass ich begriffen hatte. «Mona Lisa ist sanft und milde, gleichzeitig unnahbar und über den Dingen stehend, geheimnisvoll und androgyn. Leonardo da Vinci hat mit diesem Bild das Meisterwerk der Meisterwerke geschaffen. Mona Lisa ist das Porträt Gottes.»