Das Gysnau-Mysterium

Einleitung

Im Osten von Burgdorf erheben sich dicht an der Emme drei grosse und eine etwas kleinere Sandsteinfluh. Zu diesen Flühen gehören verschiedene Sagen, eine Kapelle, besondere Steine, ein uraltes Erdwerk und ein Waldbrünnchen. Das alles scheint uns etwas sagen zu wollen. Handelt es sich beim Weg über die Flühe um eine sogenannte «heilige Geografie», in der sich etwas vom Mysterium einer jenseitigen Welt offenbart? Diese historisch-spirituelle Spekulation versucht, das Geheimnis der Gysnauflühe zu entschlüsseln.

Kapitel 1: Ein Ort von Bedeutung

Drei hoch, hell und steil aufragende Felswände, wie von einem riesigen Spaten aus dem Hügelzug herausgestochen: das sind die Gysnauflühe. Diese markanten, im Umriss bogenförmigen Sandsteinwände gehören, zusammen mit Schloss und Kirche, zu den Wahrzeichen der Stadt Burgdorf.

 

Im Gegensatz zu Schloss und Kirche jedoch entstanden die Flühe nicht innert Jahrzehnten, sondern im Verlauf von Jahrtausenden. Es handelt sich um Meeresablagerungen aus der Tertiärzeit.

 

Nicht zuletzt ist es das hohe Alter der Gysnauflühe, das beim Betrachter unbewusst ein besonderes Gefühl der Ehrfurcht weckt. Hinzu kommen die markante Form, die Höhe, die Steilheit und die einprägsame Dreiheit.

 

Feuer und Feste

Der eigentümliche Zauber des Schachenwaldes unterhalb und des Buchenwaldes oberhalb der Flühe lädt zum Spaziergang ein. Die düstere Romantik verschiedener Plätze im Schatten der Felswände lockt auch immer wieder junge Leute an, die auf den schwer zugänglichen, sandigen Terrassen der ehemaligen Steinbrüche Feuer anzünden und nächtliche Feste feiern.

 

In Wahrheit sind es nicht drei, sondern vier Flühe. Die vierte Fluh nimmt jedoch eine Sonderstellung ein. Sie steht etwas abseits von den drei anderen, ist kleiner, dunkler, verwitterter und stellenweise von Gesträuch und kleinen Bäumen überwachsen. Fast scheint es, als habe die vierte Fluh die drei anderen Felsriesen in Urzeiten hervorgebracht und freue sich nun, bescheiden Distanz wahrend, am Anblick ihrer drei hochgewachsenen Söhne.

 

Hier ist es «nicht geheuer»

Wer sich etwas eingehender mit den Gysnauflühen auseinandersetzt, stösst bald einmal auf Aspekte, die das Besondere der vier Sandsteinfelsen zusätzlich unterstreichen. Da wäre einmal das uralte Erdwerk auf der ersten Fluh, von dem niemand weiss, aus welcher Zeit es wirklich stammt. Oder das sogenannte Rehbrünnchen zwischen dritter und vierter Fluh. Die Keltengräber oberhalb der Ziegelhütte. Der Hochzeitsstein unter der ersten Fluh. Verschiedene Sagen, die sich um die Gysnauflühe ranken. Und das Gemunkel, am rechten Emmeufer unter den Flühen sei es «nicht geheuer».

 

Bedeutungsvolle Bezeichnungen, Sagen, von Menschenhand aufgeschüttete Erdhügel: Das alles weist in frühe Zeiten, und es deutet darauf hin, dass den Flühen einst besondere Bedeutung zukam.

 

Im Dunst der Vergangenheit

Galten die drei respektive vier Flühe als ein naturgegebenes Heiligtum, bei dessen Begehung man spirituelle Einkehr hielt? Eine vorchristliche Pilgerstrecke, die dem Wandernden die göttlichen Kräfte der Natur, den Zyklus von Werden und Vergehen veranschaulichte?

 

Auf diese Fragen gibt es keine abschliessenden Antworten. Ein wenig kombinieren, nachsinnen, spintisieren ist aber allemal erlaubt. Umso mehr, als in unserer Gegend schriftliche Zeugnisse aus den Jahrhunderten vor den Römern, aus der Zeit der römischen Besatzung und aus der nachfolgenden Epoche der Völkerwanderung fehlen und die archäologischen Funde bloss fragmentarisch sind. Wo belegbares Wissen fehlt, dürfen Intuition und Fantasie in die Bresche springen.

 

Kelten und Alemannen

Bevor wir uns auf den rund anderthalbstündigen Weg machen, müssen wir überlegen, in welcher spirituellen Tradition der Rundgang stehen könnte. Entscheiden wir uns für die vorchristliche Geisteswelt der Kelten und der Alemannen; die beiden religiösen Systeme haben gewisse Berührungspunkte und bieten einiges, das sich mit den Flühen und ihrer Mystik in Einklang bringen lässt.

 

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass manche Wegmarken, denen auf der Pilgerstrecke eine besondere Bedeutung zukommt, nicht aus keltischer oder alemannischer, sondern aus deutlich späterer Zeit stammen. Lasst uns diesen Umstand kühn beiseiteschieben – er spielt insofern keine Rolle, als unsere spirituelle Betrachtung der Gysnauflühe ein Spiel ist, ein spirituelles Experiment. Vielleicht bringt es trotzdem die eine und andere verborgene Wahrheit an den Tag; Wahrheit offenbart sich zuweilen auch auf krummen Pfaden.

 

Die religiöse Welt der Kelten und noch mehr jene der Alemannen war stark von männlichen Gottheiten geprägt. Deshalb deute ich im Folgenden den Spaziergang über die Flühe als androzentrisch angelegten Pilgerweg. Im Anhang skizziere ich zusätzlich aber eine gynozentrische Variante, bei der drei Göttinnen im Vordergrund stehen.

 

Schon in der Jungsteinzeit

Bleibt noch zu klären, ob in der Gegend von Burgdorf überhaupt Kelten gelebt haben. Zumindest dies müsste der Fall sein, wenn unser Experiment nicht gänzlich in der Luft stehen soll.

 

Der – wenn auch spärliche – archäologische Befund deutet auf Besiedlung oder zumindest Besiedlungsphasen seit dem Neolithikum hin. Im Fernstallwald und auf den Flühen fanden sich Steingeräte aus der Jungsteinzeit. Im Auenbergwald nördlich von Grafenscheuren und im Bättwilhölzli rechts der Emme gegenüber Oberburg öffnete man Grabhügel aus der Bronzezeit (1600 bis 700 v. Chr.), bei Lyssach Grabhügel aus der frühen Eisenzeit, der sogenannten Hallstattzeit (700 bis 450 v. Chr.).

 

Diverse Gegenstände aus der späten Eisenzeit (Latène-Zeit, 450 bis 58 v. Chr.) kamen bei Mötschwil und Bickigen zutage. Münzfunde aus Burgdorf und der näheren Umgebung, eine Wasserleitung in Oberburg, Mauerreste auf der Rappenfluh ob Oberburg und ein Isiskopf auf dem Burgdorfer Schlosshügel künden von der einstigen Gegenwart der Römer.

 

Schwertfund in Koppigen

Zu Beginn des 5. nachchristlichen Jahrhunderts zogen sich die römischen Kolonisatoren aus dem Gebiet der heutigen Schweiz zurück. Ab 450 drangen nach und nach Gruppen von Alemannen ins Land. Wo die Siedlungsverhältnisse günstig waren, liessen sie sich nieder, gründeten Dörfer und vermischten sich mit der einheimischen, also keltischen Bevölkerung. Dabei dürfte es auch zu einer raschen Vermischung der keltischen mit der ihr nahestehenden alemannisch-germanischen Vorstellungswelt gekommen sein.

 

Ungefähr um 600 stiessen die Alemannen in den Raum Burgdorf vor. Alemannisch sind die Reihengräber auf dem Burgdorfer Gsteig, alemannisch ist auch das Schwert aus einem Grabhügel bei Koppigen. Vielleicht ein, vielleicht auch zwei Jahrhunderte lang huldigten Kelten und Alemannen noch den alten Göttern dann setzte schrittweise die Christianisierung ein.

Kapitel 2: Der Weg beginnt

Die Grabhügel

Oberhalb der Burgdorfer Ziegelhütte am Eingang des Heimiswiltals stehen im Wald nahe beieinander drei Grabhügel. Albert Jahn spricht in seiner 1864 entstandenen Schrift «Emmentaler Altertümer und Sagen» gar von vier Gräbern. Zu sehen ist von ihnen heute nicht mehr viel. Immerhin hat sich in Teilen der Bevölkerung bis heute eine blasse Erinnerung an diese «Keltengräber» gehalten. Ob sie wirklich aus keltischer Zeit stammen, ist ungewiss.

 

Die Grabhügel markieren den Anfang unseres hypothetischen spirituellen Rundwegs. Aus dem Nichtsein kommt das Sein, aus dem Tod tritt das Leben. Die Kelten glaubten an ein Weiterleben nach dem Tod in der Anderswelt und an Seelenwanderung. Sie dachten sich die Welt als einen kontinuierlichen Prozess von Werden und Vergehen, Sterben und Wiedererstehen. Diese Anschauung fand ihren symbolischen Ausdruck häufig im Kreis- oder Spiralzeichen. Die Kelten verstanden die Welt aber auch als ständigen Kampf zwischen Oben und Unten, Hell und Dunkel. Solange in diesem dualen System keine Macht die Oberhand gewann, blieb die Welt im Gleichgewicht.

 

Die drei Grabhügel oberhalb der Ziegelhütte liegen auf dem südlichen Zipfel des Waldsporns an dessen steiler Ostflanke. Die Strahlen der Morgensonne fallen auf die Gräber und wecken die Toten zu neuem Leben. Die drei – oder sind es nun vier? – Wesenheiten stehen auf und machen sich auf den Weg, gefolgt von uns Pilgern.

Kapitel 3: Unten

Der Abstieg

Der Weg führt an der Ziegelhütte vorbei und biegt kurz darauf rechts in den Wald ab. Rechts am Weg, nur ein paar Meter abseits, erhebt sich ein Felsbrocken, der das Auge des Wanderers auf sich lenkt. Es ist ein Sandsteinklotz, der in seiner spitz zulaufenden Form einem grossen Menhir ähnelt, einem kultischen Stein der Kelten. Vermutlich ist der Stein bei seinem Sturz aus der Felswand von selbst aufrecht gelandet, aber es wirkt fast so, als hätten ihn Menschen als Wegzeichen aufgerichtet und dabei auch noch ein wenig bearbeitet.

 

Der Stein steht beim Eingang zum unteren Bereich der spirituellen Strecke. Linkerhand führt ein schmaler, steiler, stark ausgewaschener Pfad hinunter zum Fluss. Hier, am rechten Emmeufer, beginnt der Weg durch die Unterwelt. Links fliesst flaschengrün und geheimnisvoll die unberechenbare Emme – ihr Name soll übrigens auf das keltische amhain zurückgehen, was «Fluss» bedeutet –, rechts erheben sich steil und unheimlich die Sandsteinwände, die die südlichen Ausläufer der Gysnauflühe bilden.

 

Auf dieser Strecke herrschen die chthonischen (unterirdischen) Mächte, die Kräfte der Dunkelheit. Hier waltet dämonische Irrationalität, hier heisst der Tag Nacht und die Nacht Tag. Nicht von ungefähr geht in der Bevölkerung noch heute die Kunde, dass es an dieser Uferpartie «nicht geheuer» sei.

 

Es ist die Welt der verwischten Grenzen, der unfassbaren Schatten, die jeder durchschreiten muss, der seiner selbst bewusst werden will.

Die Geschichte des Kesselflickers

Nach vielleicht fünf Minuten weitet sich der Pfad zu einem kleinen, baum- und buschbestandenen Platz am Fuss einer Sandsteinwand. Hier lässt sich die Geschichte des Kesselflickers trefflich ansiedeln. Wenn’s nicht genau an dieser Stelle gewesen ist, dann halt etwas weiter flussauf- oder abwärts; es spielt keine Rolle. Weder der genaue Ort noch die Zeit sind überliefert. Es war irgendwo unter den Flühen zu irgendeiner Zeit; der Kesselflicker, der die Geschichte angeblich erlebt hatte, soll sie des Öftern in den Burgdorfer Schenken erzählt haben.

Es geschah an einem Abend, an dem der Kesselflicker sein Nachtlager im Schachenwald unter den Flühen aufgeschlagen hatte. An einem Feuerchen kochte er sich gerade ein Abendessen, als plötzlich aus einer Felsritze ein grosser, wild blickender, unheimlicher Geselle hervortrat. Der Hüne führte einen grossen Kessel mit sich. Er sprach den Kesselflicker an und verlangte von ihm, dass er tätig werde, denn im Kessel klaffe ein grosses Loch. Es winke ein anständiger Lohn. Der Kessel müsse aber bis zum Morgengrauen geflickt sein; für die darauffolgende Nacht nämlich erwarte man Gäste, und da heisse es rechtzeitig mit Kochen beginnen.

 

Der Hüne verschwand, und der Kesselflicker machte sich ans Werk. Es gelang ihm wohl. Als der Morgen heraufdämmerte, konnte er seinem unheimlichen Kunden einen Kessel präsentieren, der so gut wie neu war.

 

Seltsamer Lohn

Der Hüne besah sich das Werk, liess ein zufriedenes Knurren hören, öffnete den Rucksack des Kesselflickers, warf den Inhalt in die Emme, nahm eine Handvoll Laub, steckte sie in den Rucksack, warf diesen dem Handwerker vor die Füsse, ergriff den geflickten Kessel und machte sich rasch aus dem Staub.

 

Der Kesselflicker leerte das Laub in die Fluten und wusch den Rucksack gründlich aus. Hierfür wurde er aber von seinen Kumpanen, denen er die Geschichte später erzählte, nicht eben gelobt. «Hättest du das Laub doch drin gelassen – wer weiss, in was für Schätze es sich nach und nach verwandelt hätte!», sagten sie. Er aber pflegte zu antworten, dass er solche Schätze nicht begehre.

 

Symbol der Erneuerung

In dieser Erzählung steckt ein Motiv, das deutlich auf die Kelten verweist – das Motiv des Kessels. Die Kelten sprachen dem Kessel kultische Bedeutung zu. In Britannien, aber auch andernorts sind in Seen, Quellen, Flüssen oder Sümpfen immer wieder Kessel gefunden worden, die von den Kelten als Opfer für die Götter rituell versenkt worden waren. Der Kessel war für sie ein Symbol der Erneuerung, aber auch des immerwährenden Überflusses.

 

Ein Gott namens Dagda besass einen riesigen Kessel, der nie leer wurde, und in der Anderswelt wurden für die Verstorbenen in ebenfalls unerschöpflichen Kesseln üppige Festmähler gekocht.

 

Gross und klein zugleich

Dagda ist eine paradoxe Gottheit. Nebst seinem magischen Kessel besitzt er eine Keule; das eine Ende dieser Waffe tötet, das andere erweckt zu neuem Leben. Einmal taucht Dagda als riesenhafter, ungehobelter Geselle auf, dann wieder als gnomenhaftes Wesen mit kurzem Röcklein und dem Hang, sich masslos mit Essen vollzustopfen.

 

Der Kesselflicker als Wanderer durch die Unterwelt begegnete also dem Gott mit dem Zauberkessel und erwies ihm einen Dienst. Lohn wollte er aber keinen annehmen. Hätte er es getan, hätte er sich gewissermassen gebunden, hätte sich in der Magie der Unterwelt verfangen. Der Mann zog es vor, in innerer Freiheit weiterzuziehen.

 

Auf unserem Gang durch den unteren Bereich bedeutet dies: Die wandernde Wesenheit hat einen ersten Schritt in Richtung Selbstwerdung getan, indem sie, einer Lockung widerstehend, sich von den triebhaften, weitgehend vernunftlosen Mächten des unteren Bereiches abgrenzte.

Der Drache

Der Weg führt zum Pfadfinderheim in der Waldegg, dann zum Campingplatz und von hier wieder in einsamen Schachenwald. Nun befinden wir uns unmittelbar unter den Flühen selber. Jede Fluh hat eine feste Nummer; die vierte ist die, an der wir auf unserem Weg zuerst vorbeikommen. Zwischen vierter und dritter Fluh gähnt eine finstere, steile Waldschlucht, der sogenannte Kesselgraben. Diesen Namen trägt er, weil an dieser Stelle der Fluss früher einen kleinen See gebildet und gebrodelt haben soll wie kochendes Wasser in einem Kessel. Schon wieder das Kesselmotiv…

 

Laut einer Sage war der Kesselgraben auch bevorzugter Aufenthalt des Drachen, den die Brüder Sintram und Bertram schliesslich aufspürten und töteten. Die Sage von den lenzburgischen Grafen, die den Drachen zur Strecke brachten und hernach Burgdorf gründeten, kann als Ende des Heidentums und Beginn des Christentums gedeutet werden. Der Drache würde demnach die «heidnische Teufelei» und die Tötung des Untiers den Sieg der neuen Religion über die alte versinnbildlichen, analog zur Geschichte vom Drachentöter St. Georg.

 

Schlangen als Beine

Ohne Weiteres lässt sich dem Gysnauer Drachen aber auch eine ältere, von christlicher Legendenbildung unabhängige Bedeutung zusprechen. Man denke an den germanischen Drachen Nidhögg, der die Wurzeln der Weltenesche Yggdrasil benagt, an den nordischen Fafnir, der einen Schatz hütet, oder an die Midgardschlange.

 

Auch die Kelten kannten drachenartige Ungeheuer, zum Beispiel einen Riesen der Dunkelheit, dessen Beine aus je einer Schlange bestanden. Sogar die Emme selber wurde früher mit einer grossen Schlange gleichgesetzt. Ihre bei Gewitter rasch anschwellenden, reissenden Fluten waren vordem, als die Ufer noch nicht verbaut waren, weitherum gefürchtet.

 

Der Drache steht für alles, das uns mit Angst, Schrecken, Furcht und Grauen erfüllt. Man soll vor der Angst nicht fliehen. Man soll ihr in die Augen schauen. Nur so ist sie zu besiegen, nur so ist innere Freiheit zu erlangen. Am Kesselgraben führt kein Weg vorbei.

Der Hochzeitsstein

Unter der ersten Fluh, links am Weg, steht ein Stein von doppelter Mannshöhe in der Art, wie er dem Wanderer eine Viertelstunde zuvor bereits begegnet ist. Der Stein hier ist jedoch um einiges auffälliger als jener bei der Ziegelhütte. Er steht dichter am Weg, ist nicht von anderen Steinbrocken umgeben und ähnelt noch deutlicher einem grossen Menhir.

Auf der dem Weg zugewandten Seite führt eine steile Rinne bis ungefähr auf die halbe Höhe des Steins. Kinder benutzen die Rinne gerne als Rutschbahn. Dieser Stein wirkt, mehr noch als sein Pendant bei der Ziegelhütte, wie von Menschenhand bearbeitet und aufgerichtet.

 

Der Stein am Fuss der ersten Fluh hat sogar einen Namen: Man nennt ihn den Hochzeitsstein. Eine Sage berichtet, dass hier einst ein verliebtes Paar gesessen habe. Missgünstige Gesellen hätten einen grossen Stein aus der Fluh gebrochen und das Paar unter dem Stein begraben.

 

Das müssen rohe und überaus grosse Burschen gewesen sein, die mit solchen Steinen warfen. Klingt in diesem Sagenfragment ein alter Mythos nach? Waren die missgünstigen Kerle Riesen der Unterwelt, die einem Götterpaar Übles antaten?

 

Die Mauern stürzen ein

Götterpaare spielten im ganzen keltischen Europa eine wichtige Rolle, davon zeugen Geschichten und figürliche Darstellungen. Wofür diese Paare standen, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Manches deutet darauf hin, dass sie unter anderem das sakrale Königtum, basierend auf der Verbindung von Gott und Mensch, versinnbildlichten und auch für Schutz, Frieden und Wohlergehen zuständig waren.

 

Beim Gysnauer Hochzeitsstein entdeckt die wandernde Wesenheit das Prinzip der Zweiheit und vollzieht dabei einen weiteren Schritt zur Selbstwerdung. Dieses erste Hinaustreten aus dem Ich ist ein schockartiges Erlebnis. Es spült uns aus dem dunklen und irrationalen, aber auch behütenden und vertrauten Ursumpf an einen unbekannten Strand. Die schützenden Mauern stürzen ein. Erwachsen werden ist wie sterben und zu neuem Leben erwachen.

Kapitel 4: Dazwischen

Die Eidstätte

Von nun an steigt der Weg an. Nach ungefähr zwei Minuten beschreibt er eine Rechtskurve, die in einen Hohlweg führt. Am Scheitelpunkt der Kurve steht eine rund fünfzig Zentimeter hohe, im Querschnitt quadratische Säule aus hellgrauem Kalkstein, einem Marchstein sehr ähnlich. Auf seiner östlichen Seite zeigt der Stein das Relief des Burgdorfer Wappens, auf der südlichen Seite die Umrisse einer schwörenden Hand.

 

Es handelt sich hier um die vermutlich im 17. Jahrhundert entstandene Kopie eines Burgernzielsteins aus dem 14. Jahrhundert. Die Burgernzielsteine markierten den Grenzverlauf des Gebiets, in dem das städtische Recht galt, und die schwörende Hand symbolisierte die hohe Gerichtsbarkeit. Landläufig heissen die Burgernzielsteine auch Schwörsteine.

Die schwörende Hand ist mehr als bloss ein profanes Hoheitszeichen. Etwas Besonderes haftet ihr an, etwas geradezu Magisches. Schwören war schon immer ein heiliger Akt. Ein Eid schwebt seltsam zwischen Licht und Schatten. Einerseits bindet er den Schwörenden in die Lichtsphäre der Verlässlichkeit und Ehrenhaftigkeit ein, andererseits droht er – bei Nichteinhaltung – mit Finsternis und Verdammnis. Wo Eide abgelegt werden, stehen die Mächte der Oberwelt und jene der Unterwelt dicht beieinander. Die Eidstätte ist ein geweihter Ort.

 

Geschichten aus dem keltischen Irland berichten, dass wichtige Personen schwören mussten, eine bestimmte Sache nicht zu tun, zum Beispiel, niemals aus einem Horn zu trinken oder kein Hundefleisch zu essen. Hielt sich der Held oder der König an das für ihn bestimmte Verbot, ging es ihm und seinem Volk gut; brach er den Eid, war es mit dem Wohlergehen zu Ende.

Die Kapelle

Wenige Meter vom Burgernzielstein entfernt steht auf freiem Feld die Bartholomäuskapelle, auch bekannt als Siechenkapelle. Sie gehört zum nahen Siechenhaus, das im Mittelalter als Wohnstätte für die Aussätzigen errichtet wurde. Der Burgerrat rechnete im August 1446 mit dem Architekten über den Bau der Kapelle ab. Über einen Vorgängerbau ist nichts bekannt, was aber nicht heisst, dass es keinen solchen gegeben hat.

 

Gehen wir einmal davon aus, dass die Bartholomäuskapelle – wie so viele andere alte Kirchen und Kapellen auch – an einer Stelle steht, die schon immer als heilig galt. Welchem Gott oder welchen Gottheiten könnte hier in vorchristlicher Zeit gehuldigt worden sein?

 

Darüber Aufschluss geben vielleicht die Heiligen, denen die Kapelle geweiht ist. Häufig traten christliche Gestalten an die Stelle der alten Götter. Die Siechenkapelle ist Bartholomäus, Magdalena, Barbara, Verena und Oswald geweiht.

 

Die wilde Jagd

Die Volkskunde bringt den heiligen Bartholomäus oft in die Nähe des germanischen Gottes Wodan; dieser wiederum entspricht dem keltischen Lugh. Lugh ist Zauberer, Kriegsheld und Lichtgestalt. Als Zauberer haftet ihm etwas Zwiespältiges an. Angeblich ist der Name Lugh mit dem Wort Lüge verwandt; sprachgeschichtlich gesichert ist dies nicht.

 

Das Vielschichtig-Zwiespältige zeigt sich besonders deutlich in der verwandten Gestalt des Wodan. Wodan trägt viele Namen, und ihm werden viele, sich zum Teil widersprechende Eigenschaften zugeschrieben.

 

Er ist der Führer des Totenheeres, das sich in manchen Nächten als «wilde Jagd» manifestiert, als unsichtbare Kriegshorde, die lärmend und rufend in rasantem Galopp durch den Wald braust.

 

Er ist der Schutzherr der Erhängten. Er heisst Blinder oder Einäugiger, aber auch Glutäugiger, Übeltäter, Zerstörer, Ernährer und Zauberer. Er gilt als weise, zugleich aber auch als listig und treulos. Als Krieger ist er wild und unbeherrscht, als vermummter Wanderer auf Erden verkörpert er eine moralische Instanz, die die Menschen nach ihrem inneren Wert beurteilt.

 

Er ist hin- und hergerissen zwischen der Sphäre des Lichts und der Dunkelheit. Seiner Persönlichkeit haftet etwas Oszillierendes, etwas jugendlich Ungefestigtes an.

Die göttliche Mutter

In Magdalena, Barbara und Verena begegnet uns eine weibliche Dreiheit. Solche Triaden, von den Römern Deae Matres oder Deae Matrones genannt, waren bei den Kelten und Germanen weit verbreitet. Sie stellten die Muttergottheit in verdreifachter Form dar, oft in verschiedenen Altersstadien.

 

Zurück zu unserem Wanderer: Auf seinem spirituellen Weg ist er nun zu Lugh geworden, zum Jüngling, der seine Bestimmung noch sucht, sich nicht festlegen will, vieles ausprobiert. Ihm zur Seite gegeben ist das dreifach Weibliche, das er als Teil seiner selbst wird erkennen und verinnerlichen müssen. Nur so kann er reifen, zu seinem Wesenskern vordringen und zur Vollendung gelangen.

 

Hugin und Munin

Einen vermittelnden Impuls gibt der heilige Oswald. Seine Attribute sind Raben und eine Taube. In der Gestalt des Oswald sind Gott und Göttin vereint. Die Raben versinnbildlichen das Männliche; sie waren Wodans ständige Begleiter. Hugin («Gedanke») hiess der eine, Munin («Erinnerung») der andere. Der Rabe ist auch das Tier des Lugh; das gallische lugos bedeutet Rabe. Die Taube dagegen steht für das Weibliche.

 

So, wie sich die Vögel in die Höhe schwingen, muss nun auch der Pilger die Höhe erklimmen. Der untere Bereich der heiligen Strecke ist definitiv zu Ende.

Kapitel 5: Oben

Beim Herrn des Donners

Ab dem Burgernzielstein geht es in steilen Serpentinen fluhaufwärts. Wer nicht besonders marschtüchtig ist, kommt bald einmal ins Keuchen und Schwitzen. Die Anstrengung lohnt sich aber: Auf dem Gipfel der ersten Fluh breitet sich eine natürliche, leicht bewaldete Plattform aus, die einen eindrücklichen Ausblick auf die Stadt und das umliegende Land bietet.

 

Dieser erhabene, der Sonne und den Wolken nahe Ort scheint wie geschaffen zur Verehrung einer wahrhaft majestätischen Gottheit. Vielleicht stand hier in alter Zeit ein Altar zu Ehren von Taranis, dem Herrn über Sonne und Donner.

 

Taranis entspricht dem römischen Jupiter und dem germanischen Donar. Im Namen Donar ist deutlich der Donner erkennbar, und in Taranis steckt das keltische Wort taran, was ebenfalls Donner bedeutet.

 

Taranis ist in seiner Eigenschaft als Gott der Elemente aber vor allem der Gott der Sonne. Sein Emblem ist das Speichenrad, das die Sonne darstellt. Der Gott mit dem Sonnenrad war zur Zeit der Kelten sowohl in Britannien als auch auf dem europäischen Festland allgegenwärtig.

Aufrecht und kernig

Die Germanen dachten sich Donar als aufrechten, herzhaften, kernigen Patriarchen, ein wenig ruppig zuweilen, aber immer gradlinig in seinem Tun. Sprunghaftes Hin und Her war ihm fremd.

 

Besondere Beachtung verdient das geheimnisvolle Erdwerk auf dem hinteren Teil der ersten Fluh. Die beiden aus Erde aufgeschütteten Hügel und die zwei Gräben sind Menschenwerk. Über das Alter der Anlage gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Wegen der Steinwerkzeuge, die bei den künstlichen Hügeln gefunden wurden, datierte man die Anlage zuerst in die Jungsteinzeit; heute ordnet man sie eher dem frühen Mittelalter zu.

 

Nach allgemein akzeptierter Ansicht handelt es sich um ein ehemaliges Refugium, eine Fluchtburg aus Erdwällen und hölzernen, längst verfaulten Palisaden. Von drei Seiten her liess sich der Felssporn wegen der Steilheit der Abhänge von Angreifern kaum erstürmen, und den einzigen ebenen Zugang an der Ostseite riegelten die künstlichen Wälle ab. So diente die erste Fluh den Siedlern des Umlandes beim Einfall von kriegerischen Horden als gut zu verteidigender Fluchtort.

 

Könnte es sich bei den künstlichen Hügeln gar um die Überreste druidischer Altäre handeln? Möglich ist immerhin, dass das Erdwerk ursprünglich eine Kultstätte war und erst später zu einer Fluchtburg umgebaut wurde.

Beim Einhändigen

Die Flühe bilden emmeseitig den steilen, markanten Abschluss eines ausgedehnten, zusammenhängenden Hügelzuges. Einmal oben, bleibt der Wanderer in der Höhe, bis er bei der vierten Fluh angelangt ist. Auf dem Gipfel der zweiten Fluh breitet sich eine unauffällige Waldsenke aus, von einem eigentlichen Plateau kann keine Rede sein. Erst die dritte Fluh lädt wieder zum Aussichtshalt auf einer natürlichen Gipfelplattform ein.

 

Diese ist etwas kleiner als die Terrasse der ersten Fluh und liegt nicht augenfällig am Weg; den Zugang bildet ein schmaler Seitenpfad. Der Platz auf der dritten Fluh könnte dem germanischen Gott Tiwaz, der bei den Alemannen Ziu und bei den Kelten Nuada hiess, zugeschrieben werden. Zwar galt Ziu in erster Linie als Kriegsgott; ursprünglich verkörperte er aber eine Wesenheit, die dem nebulösen Wodan und dem selbstgewissen Donar in Sachen Reife einen guten Schritt voraus war.

 

Eine listige Wette

Am besten zeigt sich der Wesenskern des Tiwaz beziehungsweise Ziu in der nordischen Ausprägung des Tyr. Tyr galt als tapfer und weise. Und, vor allem, als opferbereit. Als es darum ging, das Ungeheuer Fenrir unschädlich zu machen, brachte keiner der Götter den Opferwillen auf, den es brauchte, das schier unmögliche Werk zu vollbringen – bis auf Tyr. Er gab zum Wohl der Götter und der Menschen seine rechte Hand hin.

 

Das kam so: Fenrir, der reissende Wolfsgott, war für die Welt eine Bedrohung. So beschlossen die Götter, Fenrir mit einem von den Zwergen gefertigten unzerreissbaren Seil zu fesseln. Sie schlossen mit Fenrir die Wette ab, dass es ihm trotz seiner übermässigen Kraft nicht gelinge, das Seil zu zerreissen.

 

Für Fenrir war es eine Sache der Ehre, diese Wette einzugehen. Er war aber auch misstrauisch, witterte, dass es um mehr als bloss ein harmloses Spiel ging. Er verlangte daher, dass ihm einer der Götter die rechte Hand als Pfand in den Rachen lege, dieweil er die Fesseln zu zerreissen versuche. Gelinge es ihm nicht, sich zu befreien, werde er dem Gott die Hand abbeissen.

 

Keinem der Götter gefiel der Gedanke, seine Hand herzugeben. Die Fesselwette war aber der einzige Weg, Fenrir aus dem Verkehr zu ziehen. Schliesslich erklärte sich Tyr bereit, seine Hand in Fenrirs Rachen zu legen. Die Götter fesselten den ungeheuerlichen Wolf – mit Erfolg. Es gelang ihm nicht, sich aus den Fesseln zu befreien. Da biss er zu, und Tyr verlor seine rechte Hand. Fortan führte er das Schwert mit der Linken.

 

Der heilige Baum

Tyr ist weit über die anderen Götter und letztlich über sich selbst hinausgewachsen: Er hat den Bereich der Selbstbezogenheit verlassen und sich in den aufopfernden Dienst der Gemeinschaft gestellt. Typischerweise ist seine Waffe das Schwert, während Lugh und Wodan vor allem mit dem Speer kämpfen: Das Schwert steht traditionell für das Rittertum in seiner edelsten Bedeutung, für den selbstlosen Einsatz im Dienst der Gemeinschaft.

 

Auf der dritten Fluh – allerdings nicht vorne auf der Plattform, sondern etwas weiter hinten am Hauptweg – erhebt sich dicht hinter einer Ruhebank eine Eiche. Sie fällt auf, weil sie allein mitten unter Buchen steht. Eichen galten den Kelten und Germanen als besonders heilig. Die Kelten wiesen die Eiche dem Frühlingsbeginn zu und sahen in ihr das Sinnbild einer Lebenskraft, die mehr als bloss das Körperliche umfasst. Die Eiche ist der Baum, der es dem Menschen ermöglicht, sich selbst zu sein und so zu seiner persönlichen Vollendung zu gelangen.

Das Rehbrünnchen

Zwischen der dritten und der vierten Fluh, am oberen Ende des Kesselgrabens, befindet sich dicht am Pfad eine unscheinbare und doch auffällige Quellfassung in Form eines kleinen, niedrigen, aber massiven Steintrogs, in den aus einer Eisenröhre kristallklares Wasser fliesst. Es ist das sogenannte Rehbrünnchen. Trog und Röhre stammen aus neuerer Zeit, aber an diesem wasserreichen Hang sprudelten schon immer grössere und kleinere Quellen.

Die Kelten brachten besondere Quellen mit reinigenden und heilenden Göttinnen in Verbindung. Die Muttergöttin Tailtu war Herrscherin über die Brunnen, und bestimmte Quellen zogen zu gallorömischer Zeit Pilger von weither an.

 

Beim Rehbrünnchen entfaltet die wandernde Wesenheit ihre weiblichen Energien und setzt damit heilende, lebenserhaltende und lebensspendende Kräfte frei.

 

Vom Geheimnis des Lebens handelt auch eine Burgdorfer Sage, die bemerkenswerterweise im Kesselgraben spielt. Ein fahrender Geiger, der dort rastete, sah plötzlich ein altes Weiblein, das aus einer Felsspalte ein Bündel hervorzog und damit verschwand. Und er glaubte zu hören, dass aus dem Bündel das Geschrei eines Säuglings ertönte. Er erzählte in der Stadt, was er erlebt hatte. Von da an pflegte man in Burgdorf bei der Geburt eines Kindes zu sagen: «Die Hebamme hat es aus dem Kesselgraben mitgebracht.»

Kapitel 6: Der Weg endet

Zurück zu den Gräbern

Auf der Höhe der vierten Fluh bricht der Weg durch einen natürlichen Erddamm. Vor der Passage ist der Weg noch schmal; nach dem Damm führt er breit, offen, eben und beschaulich dem Ende des Rundgangs entgegen. Der Wanderer befindet sich in Harmonie mit sich und der Welt. Die Wesenheit ist zur Reife, zur Vollendung gelangt. Die letzte Teilstrecke ist Ausklang in Wohlklang.

 

In einer Kurve biegt rechts ein schmaler Pfad ab. Er führt in die Tiefe. Bald schon taucht hinter einer Wegbiegung die Stelle mit den Überresten der drei Grabhügel auf, wo wir zum Rundgang aufgebrochen sind.

 

Die Reise ist zu Ende. Die wandernde Wesenheit sinkt zurück in ihr Grab, zurück in die Erde. Und erwacht vielleicht schon bald wieder zu neuem Leben. Der nächste Morgen, der nächste Frühling kommt bestimmt.

 

Der Zyklus der Jahreszeiten

Lässt sich der Spaziergang über die Flühe im keltischen Geist als Sinnbild von Geburt, Heranwachsen, Reifen, Sterben, Seelenwanderung und Wiedergeburt deuten, kann er christlich als Zeichen der Zuversicht aufgefasst werden, als Hinweis darauf, dass am Ende nichts zu Ende ist. Und der Naturfreund erblickt im Rundgang über die Gysnauflühe ein Abbild des fortwährenden Erwachens und Sterbens der in den jahreszeitlichen Zyklus eingebundenen Natur.

 

Und überhaupt: Vielleicht denken wir alle zu viel. Vielleicht liegt die Bedeutung des Gysnau-Geheimnisses darin, dass es eben ein Geheimnis ist und immer bleiben wird.

Anhang

Die drei Ewigen

Die oben ausgeführte Idee eines Pilgerwegs, auf dem ein Seelenwanderer drei keltisch-alemannischen Göttern begegnet, ist eine von vielen Möglichkeiten, die Burgdorfer Gysnauflühe gedanklich zu durchdringen. Eine weitere Möglichkeit ergibt sich aus den Gedanken des slowenischen Bildhauers, Landschaftsheilers und Buchautors Marko Pogacnik. In seinem Buch «Die Landschaft der Göttin» greift er die Religion auf, die gemäss archäologischem Befund vermutlich viele jungsteinzeitliche Gesellschaften im europäischen Raum praktizierten: die Religion der Göttin.

 

Der Erste, der diese Religion einer breiteren Öffentlichkeit wieder ins Bewusstsein brachte, war der Volkskundler und Buchhändler Hans Christoph Schöll. In seiner 1936 erschienenen Abhandlung «Die drei Ewigen» beschrieb er drei weibliche Gottheiten, die in der vorchristlichen Religion der germanischen Bauern eine wichtige Rolle spielten. Er nannte sie Anabet, Borbet und Wilbet. Wegen der gleichlautenden Namensendung etablierte sich später in der esoterischen Bewegung die Bezeichnung «die drei Beten».

 

Die Beten waren drei Aspekte einer einzigen Göttin. Als weisse Jungfrau (Halbmond) verkörperte sie das beginnende Werden. Als rote Mutter (Vollmond) symbolisierte sie die Lebensfülle, und als schwarze Matrone (Neumond) stand sie für Tod und Wandel.

 

Eine Kette aus Schädeln

Marko Pogacnik entdeckte diese Triade unter anderem auch in der Religion der alten Griechen. Die weisse Göttin setzt er mit Artemis gleich, der jungfräulichen Göttin des Naturlebens und der Jagd. In der roten Göttin erblickt er Demeter, die Erdmutter und Herrin des Ackerbaus. Die schwarze Göttin schliesslich findet ihre Entsprechung in Hekate, der zauberkundigen Göttin der Unterwelt.

 

Bei den Hindus heisst die schwarze Göttin Kali. Sie ist die Zerstörerin und zugleich Hervorbringerin. Ihre heraushängende Zunge trieft vom Blut eines Dämons, das sie aus einer Schädelschale schlürft, und um ihren Hals hängt eine Kette aus Schädeln.

 

Dem männlichen Prinzip weist Pogacnik in seinem System eine zwar nicht unwichtige, dennoch aber untergeordnete, assistierende Rolle zu. Auch die alten Griechen ergänzten die Dreiheit der Göttin mit einer Männergestalt. Sie nannten den göttlichen Jüngling, der sich jeden Frühling in der heiligen Hochzeit zur jungfräulichen Göttin gesellte, Adonis.

 

Nach dieser religiösen Vorstellung lassen sich auch in den Gysnauflühen die drei Beten und die ihnen untergeordnete männliche Gottheit erkennen.

 

Der zeugende Impuls

Die Pilgerfahrt zu den drei Göttinnen beginnt ebenfalls bei den Gräbern im Ziegeleiwald. Statt zur Emme abzusteigen, erklimmt der Seelenwanderer aber sogleich die vierte Fluh. Sie steht für den männlichen Aspekt. Hier erhält die wandernde Wesenheit den zeugenden Impuls, der ihr ein neues Werden verheisst. Das Wasser des Lebens, das zwischen der vierten und der dritten Fluh aus dem Rehbrünnchen sprudelt, lässt die Knospe wachsen.

 

Auf der dritten Fluh entfaltet die Wesenheit ihren ersten weiblichen Aspekt, den Aspekt der weissen Göttin. In der Tat hat die dritte Fluh von unten betrachtet etwas von der unberührten und leicht kühlen Art, wie sie der herben Jagdöttin eigen gewesen sein muss.

 

Auf der zweiten Fluh erfährt die wandernde Seele den Aspekt der roten Göttin. Von den drei Hauptflühen hat sie, die mittlere, am ehesten den Charakter einer Muttergottheit; sie wirkt hervorbringender als ihre beiden Schwestern und bietet an ihrem Hang einigen Büschen, Stauden und kleineren Bäumen Lebensraum. Im Frühling blüht hier sogar das Bergsteinkraut, ein Gewächs, das in weitem Umkreis sonst nirgends vorkommt.

 

Das Tor zur Unterwelt

Der Zyklus findet seine Vollendung auf der geheimnisvollen ersten Fluh mit ihrem frühgeschichtlichen Erdwerk. Hier ist die schwarze Göttin zu Hause. Am Fuss der ersten Fluh soll sich nach volkstümlicher Überlieferung das Tor zur Hölle – sprich: der Eingang zur Unterwelt – befinden.

 

Auf der ersten Fluh ist die Reise zu Ende; was ist, verschwindet und macht Neuem Platz. Die hügelartigen, bis heute nicht mit Sicherheit datierten, von Menschenhand aufgeschütteten Wälle auf der Fluh erinnern an die Grabhügel bei der Ziegelei, wo die heilige Strecke ihren Anfang nimmt.

 

© Hans Herrmann

Geschrieben im Frühjahr 2021

Zum Autor

Hans Herrmann, Jahrgang 1963, wohnhaft in Burgdorf, der Stadt im Emmental. Verheiratet, Vater zweier Söhne. 1982 bis 1988 Theologiestudium in Bern. Von 1996 bis 2012 Redaktor bei der «Berner Zeitung», heute Redaktionsleiter Bern der Monatszeitung «reformiert». Autor von Romanen, Lyrik, Theaterstücken und volkskundlichen Schriften.

Verwendete Literatur

  • Beitl, Richard, und Erich, Oswald A.: Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974.

  • Bertholet, Alfred: Wörterbuch der Religionen. Stuttgart 1997.

  • Golowin, Sergius: Sagen aus dem Bernbiet. Basel.

  • Jahn, Albert: Emmentaler Altertümer und Sagen. Bern 1864 und 1964.

  • Green, Miranda Jane: Keltische Mythen. Stuttgart 1994.

  • Heimatbuch Burgdorf. Burgdorf, zwei Bände, 1930 und 1938.

  • Heimatbuch Oberburg. Oberburg 1992.

  • Museion 2000, Heft 6/1993, Zürich.

  • Page, Raymond I.: Nordische Mythen. Stuttgart 1993.

  • Pogacnik, Marko: Die Landschaft der Göttin. München 1997.

  • Roth, Alfred Guido: Burgdorf. Burgdorf 1947.

  • Schweizer, Jürg: Die Kunstdenkmäler der Schweiz, die Stadt Burgdorf. Basel 1985.

  • Tacitus, Publius Cornelius: Germania. Stuttgart 1972.

  • Vescoli, Michael: Der Keltische Baumkalender. München 1995.

  • von Heuer, Anouchka: Was sind Heidenstöcke? Genf/Heimiswil.