Tanz um das gestürzte Denkmal

Eine neue Generation von Intellektuellen wächst heran, die mit Geschichte so einiges am Hut hat. Zum Beispiel mit Denkmälern, die man stürzen kann, im echten und übertragenen Sinn. Dieser «woke» Eifer im Dienst der Geschichtskorrektur hat jedoch mit wahrem Geschichtsverständnis wenig zu tun. Dafür umso mehr mit einer radikalen Moral, die am Menschen keinen menschlichen Makel duldet.

 

Noch steht die Bronzestatue des Mannes im langen Gehrock auf dem Sockel, verschmiert mit Farbe und umgeben von einer riesigen Menge junger Menschen in Aufruhr. Mit langen Seilen zerren einige der Aktivisten die historische Gestalt nun vom Podest. Sie kippt nach vorn und plumpst schwer zu Boden. Kräftige Hände wälzen den Gestürzten über den Boden und hieven ihn auf die Mauer des Hafenbeckens von Bristol. Handys werden in Anschlag gebracht. Mehrere Männer geben der Statue einen kräftigen Stoss. Lauter Jubel ertönt, der bronzene Mann stürzt in die Fluten des Bristolkanals.

 

Dieser Vorgang, der im britischen Fernsehen ausgestrahlt wurde und auch auf YouTube zu sehen ist, hat seinen Anfang in «Black Lives Matter». Diese US-amerikanische Bürgerbewegung entstand 2013 unter dem Eindruck der Polizeigewalt gegen Afroamerikaner. Ihre Proteste erreichten weltweite Beachtung, als im Mai 2020 der unbewaffnete Schwarze George Floyd in Minneapolis von einem Polizeibeamten zu Tode gewürgt wurde.

Die Demonstrationen gegen diese schlimme Tat kann man nur gutheissen. Im selben Zusammenhang fand aber auch noch etwas anderes statt, das man nicht gutheissen kann: der fanatische Sturz von Denkmälern und eine hypermoralisch aufgeheizte Denkmaldiskussion in Amerika und Europa.

 

Rundumschlag der Denkmalstürmer

Aufgeheizte Aktivisten gingen auf Kolumbusstatuen los und zerstörten sie, weil gemäss ihrer Interpretation auch Kolumbus mitschuldig sei an Kolonialismus und Rassismus, also indirekt am Tod von George Floyd. Auf die Statue von General Johann August Sutter in der amerikanischen Stadt Sacramento wurde zuerst ein Farbanschlag verübt, dann wurde sie entfernt: Sutter, der schweizstämmige landwirtschaftliche Pionier und Gründervater des US-Staates Kalifornien, war nicht nur tatkräftig und überzeugungsstark, er hatte seinerzeit auch Sklaven gehalten (wie leider viele andere auch).

 

Damit nicht genug. In Bristol zelebrierten junge Aktivisten den eingangs geschilderten Sturz der Statue von Edward Colston. Dieser Kaufmann der Barockzeit trat in seiner Heimatstadt als Philanthrop in Erscheinung und finanzierte Schulen, Kirchen, Kranken- und Armenhäuser. Sein Geld stammte – verwerflicherweise – zu einem grossen Teil aus dem Sklavenhandel.

In Neuchâtel kam es zu einem Farbanschlag auf die Statue des Bankiers und Sklavenhändlers David de Pury und zu heftigen Diskussionen, ob man die Statue nicht gleich entfernen sollte. In Zürich wurde die Stadtpräsidentin Corinne Mauch von Journalisten gefragt, ob es jetzt nicht an der Zeit sei, die am Bahnhof prominent platzierte Statue des Politikers und Bahnunternehmers Alfed Eschers ebenfalls zu entfernen. Die Familie Escher hatte ihr Vermögen unter anderem mit einer Kaffeeplantage erworben, auf der Sklaven arbeiteten.

 

Der verdächtige Reiseschriftsteller

In Bern beschloss man, die René-Gardi-Strasse umzubenennen, weil die Werke des bekannten Schweizer Reiseschriftstellers und Afrika-Erklärers angeblich dem «kolonialen Denken» verhaftet seien – und auch, weil er 1944 wegen Pädophilie verurteilt worden war. In Deutschland geriet sogar, kaum zu glauben, der moralisch eigentlich untadelige Philosoph Immanuel Kant ins Visier der Bilderstürmer und Denkmalstürzer.

 

Kandidaten für weitere Stürze gibt es zuhauf. Denn die meisten grossen Gestalten der Geschichte haben keine blütenreine Weste. Manche von ihnen waren in die Sklaverei und den Kolonialismus verstrickt, andere machten sich anderer Vergehen und Irrtümer schuldig.

 

Martin Luther war nicht nur ein mutiger Reformator, der die marode Kirche reinigte und sich unter Lebensgefahr mit dem mächtigsten Mann der damaligen Welt, dem Papst, anlegte; er hetzte leider auch gegen die Juden und die Bauern. Weg mit ihm. George Washington, der die britischen Kolonisten in Nordamerika in die staatliche Eigenständigkeit führte und erster Präsident der Vereinigten Staaten wurde, hielt Sklaven. Weg mit ihm.

Richard Wagner war der Schöpfer grandioser Opern und Neuerer der europäischen Tonsprache, aber er war auch, zumindest in einer seiner Lebensphasen, Antisemit. Weg mit ihm. Man entferne seine Denkmäler und verbanne seine Werke von der Bühne. In der Schweiz könnte man auch die Statue der eher mythologischen denn historischen Figur Wilhelm Tell vom Rathausplatz in Altdorf entfernen, denn der Freiheitskämpfer erschoss den österreichischen Tyrannen Gessler, war also offensichtlich ein Fremdenfeind.

 

Was soll das alles? Ist es den Bilderstürmern ernst damit, all jene Spuren ihrer Geschichte, die mit Ungehörigem, Amoralischem, Schlimmem oder auch nur Verdächtigem verbunden sind, nachhaltig vom Angesicht der Erde zu tilgen?

 

Offenbar. Dahinter steckt eine neue Gesinnung, die sich selbst als «woke» bezeichnet, als «erwacht» und somit im Besitz eines höheren Bewusstseins. Dieses Bewusstsein richtet den Blick auf Ungerechtigkeit und Diskriminierung, aber unduldsam und radikal.

 

Schuld an allem Leid ist der böse weisse alte Mann. Wokeness rechtfertigt sich allein aus der «edlen Gesinnung», und Worte ausser Schlagworten braucht es keine – Feindbild genügt. Wer mit dieser verengten Weltsicht nichts anfangen kann, stattdessen in bewährter aufklärerischer Manier mit Woken den Diskurs sucht und sie nach Fakten und Argumenten fragt, wird reflexartig als schlechter Mensch identifiziert, mit einem Shitstorm bestraft und dann gecancelt.

 

Der geköpfte Lenin

Es ist sicher nicht falsch, wenn junge Menschen die richtigen Fragen stellen und nach Antworten suchen, die einen Humanitätsgewinn versprechen. Falsch ist es von ihnen aber, bloss auf moralische Überlegenheit zu setzen, diese machtvoll zu inszenieren und die Welt von allem reinigen zu wollen, was den eigenen Überzeugungen zuwiderläuft. Besserwisserei und Ächtung sind keine Allheilmittel, und Geschehenes lässt sich auch mit dem wildesten Bildersturm und der eifrigsten Tugendprotzerei nicht wirklich aufarbeiten.

Natürlich ist es nachvollziehbar, dass man in Städten des ehemaligen Ostblocks Statuen von Marx, Lenin und Stalin entfernt hat. Im Namen dieser Männer ist seinerzeit ein Regime etabliert worden, unter dem Millionen von Menschen siebzig Jahre lang gelitten haben. Nach der Wende 1989 wollte man die Symbole des alten Systems nicht mehr täglich sehen.

 

Schwierig wird es jedoch, wenn sich Menschen systematisch an den Zeugnissen ihrer Geschichte vergreifen. Dass sie ihre Geschichte nicht mehr verstehen, ist schon schlimm genug. Dass sie die Geschichte aber vergessen machen oder nach ihrem Gusto umschreiben möchten, weil sie genau zu wissen glauben, wie sie hätte verlaufen sollen, ist inakzeptabel. Denn gerade diese Selbstherrlichkeit führt zu jener rigorosen Intoleranz, die unsere Gesellschaft nach und nach in den schon jetzt sich abzeichnenden Gesinnungspuritanismus führt.

 

Bei den Demonstranten und Bilderstürmern des Jahres 2020 handelt es sich zum grössten Teil um junge Menschen mit ihren Idealen und ihrem Feuer. In dieser Lebensphase ist die Welt natürlicherweise schwarz und weiss. Das pflegt sich mit fortschreitendem Alter zu ändern. Die historische Unmusikalität dieser Leute aber wird, so fürchte ich, bleiben, ihr volkserzieherisches Selbstverständnis ebenso. In diesem Geist werden die jungen Intellektuellen von heute einst die Welt von morgen mitgestalten, als Moralapostel und ideologische Hardliner ohne Sinn für die Grautöne, die das reale Leben nun einmal ausmachen.

 

Selbstzweifel sind ihnen fremd

Ehrlicherweise ist hier zu erwähnen, dass die Statue von Edward Colston schon bei ihrer Aufrichtung im Jahr 1895 umstritten war, und in den 1990er-Jahren flammte die Diskussion erneut auf. Dass das Denkmal nun abermals in den Fokus von Aktivisten geraten ist, liegt auf der Hand.

 

Bei vielen anderen Denkmälern ist die Sache aber komplizierter. Das kümmert die Bilderstürmer jedoch wenig, denn sie wissen nicht, was sie tun. Diese Leute zweifeln keine Sekunde daran, dass sie im moralischen Urteil künftiger Generationen bestens abschneiden werden. Entsprechend sind sie überzeugt, dass alle Generationen vor ihnen auf der ganzen Linie falsch gedacht und falsch gehandelt haben.

 

Tatsächlich ist in der Vergangenheit nicht immer alles gut gelaufen. Es ist sogar sehr viel sehr schlecht gelaufen. Wie heute übrigens auch. Vieles geschieht aus bösem Willen, aus Profitgier und Geltungssucht. Vieles ist aber auch der Zeit, der Epoche geschuldet, in der man lebt und wirkt. Man kann von einem Menschen nicht erwarten, dass er heute so denkt und handelt, wie er in 200 oder 300 Jahren vielleicht denken und handeln würde.

Martin Luther zum Beispiel wurzelte, auch wenn er eine kraftvolle Persönlichkeit an der Schwelle zur Neuzeit war, in seiner Vorstellungswelt noch tief im Mittelalter. Die göttliche Legitimation der Fürstenherrschaft war für ihn eine Realität, ebenso die volkstümliche Gestalt des Teufels und Hexenzauber.

 

Ihm heute Vorwürfe für Ansichten zu machen, die er in seiner Zeit gar nicht anders haben konnte, zeugt von der Unfähigkeit, sich als beurteilende Person in Beziehung zu setzen zu anderen Menschen und anderen Zeiten. Man sieht sich selbst nicht als Kind seiner Zeit, sondern fühlt sich über die Zeiten erhaben, als kleiner Herrgott, als Mass aller Dinge.

 

Statuen und Denkmäler sind ein Stück Geschichte, ein Stück des geistigen und politischen Nährbodens, auf dem die Gegenwart und somit wir alle als Kinder der Gegenwart gewachsen sind. Man kann die Geschichte nicht einfach umpflügen und entsorgen. Man kann sie aber erklären und einordnen.

 

Ein Tipp von Erich Kästner

Wie sich dies bewerkstelligen lässt? Zum Beispiel mit einer Plakette, die an jeder Statue, an jedem Denkmal angebracht wird und auf der nebst den Verdiensten auch die Irrtümer, Fehler und Vergehen der dargestellten Person aufgeführt sind. In den Museen liessen sich Ausstellungen zu Denkmälern und ihren problematischen Seiten realisieren. Möglich wären auch Podiumsdiskussionen, Workshops und Publikationen zum Thema.

 

Kreativität ist gefragt, dazu der Wille, Tradiertes kritisch, vor allem aber auch fair zu hinterfragen. Schon Erich Kästner schlug 1946 in einem Aufsatz in der «Neuen Zeitung» vor, «die grossen Männer der Geschichte ab und zu von den Sockeln der Legende herunterzuholen – natürlich nur leihweise und nicht, um sie zu zertrümmern, sondern bloss, um sie etwas abzustauben und dabei näher und genauer als bisher zu betrachten».

 

Dies scheint mir der richtige Umgang mit historischen Persönlichkeiten zu sein: unverstellten Blicks, offen für neue Erkenntnisse und getragen vom Bestreben, sich in andere Zeiten und andere Umstände hineinzuversetzen. Nur so kann die Erkenntnis reifen, dass Vergangenes, Gegenwärtiges und Künftiges nicht von übermenschlichen Halbgöttern oder moralisch perfekten Maschinen, sondern von Menschen zwischen Licht und Schatten gestaltet wird. Und manchmal leider auch von Verbrechern. Ihnen sollte man gar nicht erst Denkmäler errichten. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

© Hans Herrmann

Geschrieben im Januar 2021, überarbeitet im Januar 2022