Silen

Die Sonne brannte. Die Luft flimmerte. Auf der dürren, hin und wieder von sorgfältig gestutzten Sträuchern durchbrochenen Wiese lagen wie sterbende Fische menschliche Leiber in Badekleidung, mache faul auf dem Rücken, mache träg auf dem Bauch, und liessen sich rösten. Ab und zu tastete eine Hand nach dem Sonnenöl.

 Vom Schwimmbecken her ertönte das ausgelassene Geschrei badender Kinder und fröhlichen Unfug treibender Jugendlicher; die Badegäste reiferen Alters dagegen schwammen zumeist stumm, stur und verbissen, als gelte es, einen Wettkampf gegen sich selbst zu gewinnen.

 Über die Wiese schritt ein junges, schönes Mädchen. Sie kam frisch aus dem Wasser. Über ihre leicht gebräunte, weiche Haut liefen silberne, im Licht bisweilen scharf aufblitzende Perlen. Ihr Gang war langsam, geschmeidig, verführerisch. Nur eine Kleinigkeit bewahrte sie vor gänzlicher Nacktheit.

 Ein paar Meter hinter ihr ging eine dicke, seltsam zottige Männergestalt mit stupsnasigem, bärtigem Gesicht und wunderlich rankender Badehose, die weniger textil als irgendwie pflanzlich zu sein schien. Plötzlich war der Dicke verschwunden.

 Die junge Frau legte sich auf ihr Badetuch und schloss die Augen. Aus einem Gebüsch in ihrer Nähe schoss, tierhaft grinsend, das Gesicht des Dicken hervor. Sein Haar war laubig, er selber wurde zu Laub…

 Später sah ich ihn wieder: Am Rand der saftleeren Wiese, dort, wo sie sich unter breitschattenden Parkbäumen zerstreute, hüpfte er in knorrigen Bocksprüngen über die lässig hingeworfenen Körper einiger Jünglinge.

 «He, Alter, hat dich eine Hornisse gestochen?», fragte einer der Burschen spöttelnd. Er trug eine Sonnenbrille aus Spiegelglas, die ihm das Aussehen einer intergalaktischen Ameise verlieh. Seine Freunde brachen in grölendes Gelächter aus.

 Der Angesprochene blieb stehen und wandte sich zum Wortführer um. Er fixierte diesen mit wimpernlosen, von tausend grotesken Falten umspielten Augen und begann lockend mit den Fingern zu schnipsen und an Ort zu trippeln, gewissermassen als Aufforderung zum Tanz.

 Ich rechnete fest damit, dass sich der Jüngling aus Gründen des Mannesstolzes nie und nimmer auf diese Tändelei einlassen würde. Umso mehr erstaunte es mich, als er es dann doch tat, allerdings nicht ohne sich vorher sichtlich dagegen gesträubt zu haben.

 Der fröhlichen Macht des neckisch tänzelnden Dicken konnte er sich jedoch nicht entziehen. Magisch gezogen erhob er sich und begann, in den Rhythmus der schnipsenden Finger einzusteigen, zuerst steif, sich immer noch sträubend, dann zusehends elastischer und eifriger, bis er schliesslich sämtliche Glieder nach allen Seiten schleuderte, den Kopf hintüber geneigt, die Augen geschlossen – die intergalaktische Sonnenbrille war zu Boden gefallen –, während seine Lippen ein entrücktes Lächeln zeigten. Die Kameraden des Bezauberten zeigten sich deutlich besorgt.

 «Mensch, hast du sie noch alle?», fragte einer, und ein anderer: «Hör doch auf, geht’s eigentlich noch?» Letzterer erhob sich sogar, fasste den Tanzenden am Arm und rüttelte ihn, worauf der zur Besinnung Gemahnte aber nur desto heftiger zuckte.

 Es war wie Ansteckung durch einen überaus virulenten Erreger. Der, der gerüttelt hatte, begann kurz darauf auch zu zucken, desgleichen der ganze Rest der Rotte, sich nach und nach steigernd, bis im Verlauf von vielleicht zwei Minuten die ganze fünfköpfige Jünglingsschar in einem enthusiastischen Reigen über den Boden wirbelte, den lockenden Winken des Bärtigen folgend, der, in närrischen Sprüngen voraushüpfend, die Tänzer mit sich fortzog, bis sie irgendwo zwischen den Bäumen verschwunden waren.

 Dieses Geschehen war seltsam genug; noch seltsamer aber war, dass ich offenbar der einzige war, der diese lebhafte Szene mitgekriegt hatte. Die Badegäste in meiner Nähe sassen oder lagen unbeteiligt da, als wäre nichts geschehen.

 Vielleicht war ja tatsächlich nichts geschehen… Vielleicht hatte ich unter dem Einfluss des stechenden Sonnenlichtes phantasiert…

 Höchste Zeit, mich ins kühlende Nass zu begeben.

 Ich stieg ins Bassin, an einer Stelle, wo mir das Wasser nur bis zu den Oberschenkeln reichte. Kaum hatten meine Füsse den Grund des Beckens erreicht, als sie mir jemand auch schon unter Wasser wegzog und ich der Länge nach hinplatschte.

 Verärgert war ich nicht, wozu auch. Aber es nahm mich trotzdem wunder, auf wessen Konto dieser Streich ging. Sobald ich den Kopf wieder über Wasser hatte, schaute ich mich um, nicht abgeneigt, dem vermutlich jugendlichen Übeltäter einen scherzhaft mahnenden Finger zu zeigen – und stellte fest, dass sich in meinem unmittelbaren Umkreis zu diesem Zeitpunkt gerade niemand im Wasser aufhielt als eine Mutter mit ihrem kleinen Kind, die beide wohl kaum für mein ungewolltes Eintauchen verantwortlich waren.

 Am Beckenrand auf der gegenüberliegenden Seite aber stand der böckische Dicke und lachte, lachte… Er lachte, dass sich sein Gesicht zur grotesken Fratze eines altrömischen Komödianten verzog, sein Hals schier zu zerspringen drohte, seine leibliche Fülle in ihren Grundfesten erzitterte und erbebte wie Land, über das eine Herde Elefanten donnert.

 Dann sprang er kopfüber ins Wasser und… zerrann.

 Als ich wieder auf der Wiese lag – die fünf Jünglinge übrigens entdeckte ich nirgends –, hörte ich auf dem Ast, der mir Schatten spendete, seltsam eindringlich einen Vogel zilpen. So hatte ich noch nie einen Vogel zilpen gehört. Es tönte wie: Si-len, Si-len…

 Silen, ging es mir durch den Kopf. Silen, Erzieher und Begleiter des Weingottes, fröhlich-trunkener Gaukler des Sommers, Sendbote des heranreifenden Herbstes, satyrnes Bartgesicht…

 Ich verfiel in eine Art von schwebendem Nachsinnen, von nebelhafter Träumerei.

 Der Bademeister, ein ausgetrockneter alter Griesgram mit Storchenbeinen unter den schlottrigen kurzen Hosen, hätte mich bei seinem abendlichen Rundgang vor Torschluss eigentlich bemerken, wecken und zum Aufbruch mahnen sollen. Entweder aber hatte er auf seine gewohnte Runde verzichtet, oder er hatte sie nur oberflächlich durchgeführt. Als ich aus meiner schlafähnlichen Abwesenheit erwachte, war das Bad jedenfalls geschlossen, und ich fand mich, in der fortgeschrittenen Abenddämmerung, allein auf der Wiese wieder.

 Ich zog mich an, kletterte über das Gittertor und machte mich auf den Heimweg.

 Unterwegs gelangte ich zu einer Villa mit malerisch verwildertem Garten. Obwohl ich diesen Weg schon öfter gegangen war, hatte ich das Anwesen noch nie richtig zur Kenntnis genommen, vermutlich, weil es verlassen war und daher gewissermassen auf dem Abstellgeleise stand.

 An jenem Sommerabend aber erregten seltsam wilde, schrill trillernde Flötenklänge, die in Fetzen aus dem Park zu mir herüberflogen, durchmischt mit ausgelassenem Gelächter und Gejauchze, meine rasch zu Neugierde anwachsende Aufmerksamkeit.

 Offenbar war hier etwas im Gang, etwas Besonderes, nicht Alltägliches, etwas Geheimnisvolles wohl auch, wenn nicht gar Verbotenes…

 Von aussen konnte ich nichts erkennen; eine verfilzte Hecke und allerlei sonstiges Gestrüpp schirmten das trillernde und jauchzende Geschehen vollständig ab.

 Es ist weder korrekt noch anständig, einfach so in fremde Gärten einzudringen; ich tat es damals aber, ohne lange zu überlegen, trotzdem, getrieben von einer drängenden Neugier, der etwas geradezu Verpflichtendes anhaftete.

 Ich öffnete das schmiedeeiserne Gartentor, betrat den von Unkraut überwucherten Kiesweg und lenkte meine Schritte in Richtung Park.

 Ich näherte mich dem geräuschvollen Trubel, wähnte mich schon beinahe mittendrin, konnte die Ursache aber noch nicht erkennen. Eine majestätische Baumgruppe versperrte mir die Sicht. Als ich die Bäume umgangen hatte, bot sich mir eine Szene von archaischer und märchenhafter Wildheit: Auf einer weiten Wiese, die rundum mit unzähligen Fackeln erleuchtet war, tanzte eine stattliche Anzahl leicht gewandeter Menschen, junge und alte, schöne und hässliche, zur Musik eines gehörnten, bocksfüssigen Flötisten einen orgiastischen Reigen. Unter den aufgelöst Tanzenden gewahrte ich auch die Jünglinge aus der Badeanstalt.

In der Mitte der Wiese sass auf einem rebenumrankten Thron der bärtige Dicke, umgeben von jungen Frauen, die, zum Teil in enger Zweisamkeit mit zottig behaarten, unter pelzigen Augenbrauen hervorblickenden Männerwesen, auf Liegestätten aus Blumen und Blättern lagerten und aus flachen Kelchen – solche hatte ich bisher nur im Museum gesehen – Wein tranken. Nahe dieser Gruppe schoss eine Weinfontäne aus dem Boden und ergoss sich in ein Becken, das wie eine Muschel geformt war. In diesem weingefüllten Bassin tummelten sich Badende.

 Über die Wiese schritt ein junges, schönes Mädchen. Sie war soeben aus dem Becken gestiegen; über ihre leicht gebräunte, weiche Haut liefen blutrote, im Fackelschein wie Rubine aufblitzende Perlen. Ihr Gang war langsam, geschmeidig, verführerisch. Nur eine Kleinigkeit bewahrte sie vor gänzlicher Nacktheit.

 Sie trat auf mich zu, die Nymphe, ergriff lächelnd meine Hand und zog mich mit sich fort…

 

(Diese Geschichte stammt aus meinem Ebook «Unter der Seufzerbrücke», für 2 Franken erhältlich in jedem Onlineshop.)