Unsere tägliche Maske gib uns heute

Als der Bundesrat Anfang Juli die Maskenpflicht im Öffentlichen Verkehr einführte, sah ich mich in konsequenter Fortsetzung dieser Vermummung bereits maskiert unter der Dusche und im Bett. Dieses kleine Gedankenspiel in meinem damaligen Blog-Eintrag war natürlich ironisch gemeint. Jetzt bleibt mir die Ironie im Hals stecken. Fachleute bezeichnen die Corona-Seuche alias Covid-19 neuerdings als «hartnäckiges Phänomen». Und schwärmen davon, dass die Maske «im Alltag bald eine wichtige Rolle einnehmen wird» (BZ online vom 30. Juli 2020).

 

Man stellt uns also in Aussicht, in absehbarer Zeit auch in den Läden, der Schule und überhaupt in allen geschlossenen Räumen wie Halloween-Figuren herumgeistern zu müssen. Wir werden unser Fondue im Herbst am Küchentisch mit Maske essen. Wie «wir» das technisch anstellen, wird in einer griffigen Broschüre des Bundes zu lesen sein: «So schützen wir uns beim Essen».

 

Die Logik, die hinter den Maskenplänen steckt, ist natürlich bestechend: Seit wir im ÖV den Mund- und Nasenfilter tragen, gehen die Ansteckungszahlen in die Höhe, wie wir jeden Tag lesen können. Folglich wird noch viel zu wenig Maske getragen. Oder mache ich einen Denkfehler?

 

Egal. Tatsche ist: Die Fallzahlen steigen. Leute werden krank. Leute sind im Spital, und Leute sterben. Nicht in alarmierender Zahl, aber immerhin. Ich blende das nicht aus.

 

Derzeit mache ich mir aber ernsthaft Gedanken über unseren längerfristigen Umgang mit der Krankheit Covid-19, die, ich betone es, sehr ansteckend ist und in gewissen Fällen tödlich verläuft. Nach derzeitigem Wissensstand dürfte die durchschnittliche Sterberate bei jenen Menschen, die sich angesteckt haben, bei 0,5 Prozent oder etwas mehr liegen. Sterblichkeit bei Ebola: 50 bis 90 Prozent (einfach mal so als Zahl).

 

Wie sieht also ein längerfristiger Umgang in unserer Gesellschaft mit einer Krankheit wie Covid-19 aus – einer Infektionskrankheit, zu der sich auch immer mal wieder eine neue gesellen könnte? Ich sehe zwei Szenarien.

 

Szenario 1: Fünf, sechs Jahre werden von mehreren Lockdowns, massiven Einschränkungen im Kultur- und Sportbetrieb, Beizenschliessungen, Konkursen, Besuchsverbot in den Altersheimen, Desinfektionsorgien im öffentlichen Raum, unheimlichem Maskentreiben und allgemeiner Gereiztheit geprägt sein. Dann wird man sich daran gewöhnen, dass es Covid-19 gibt. Weil es leider noch immer keinen Impfstoff gibt. Man wird wieder an Konzerte gehen, sich am Stammtisch treffen, betagte Verwandte besuchen, sich umarmen, lachen, Mensch sein. Leute werden die Krankheit bekommen, Leute werden daran sterben. Vielleicht sogar weniger als an Krebs, Herzinfarkt, Spitalinfekten und Unfällen. Man wird es hinnehmen. Weil sich in der Not eine alte, bereits vergessene Binsenwahrheit neu durchsetzt: Menschen sind so beschaffen, dass sie sterben. An allen möglichen Ursachen. Das Leben wird weitergehen.

 

Szenario 2: Man wird sich an etwas anderes gewöhnen. Daran, unter einer speziell angefertigten Plastikglocke mit Luftfilter und Ernährungsschlauch eingebunkert zu Hause zu sitzen, vollgepumpt mit zweifelhaften Substanzen, die das Immunsystem stärken sollen. Man wird auf den Impfstoff warten und im Übrigen nichts riskieren. Am wenigsten, dass sich jemand ansteckt. Denn das gebietet die Solidarität. Mitmenschen in Fleisch und Blut werden uns ein Gräuel sein, denn sie könnten uns allein durch ihre infektiöse Gegenwart umbringen. Wir kommunizieren nur noch über die Sozialen Medien, verlieren die Fähigkeit zu gehen, zu stehen, zu laufen, zu schwimmen, zu lachen, zu weinen. Wir warten und sehen immer mehr aus wie die blass aufgequollenen Navigatoren im Sciencefiction-Epos Dune. Ab und zu schauen wir uns ein altes YouTube-Video an. Zum Beispiel einen Live-Auftritt von Lynyrd Skynyrd. «Sweet Home Alabama», gespielt vor Tausenden dicht gedrängten, feiernden, flippenden, lachenden und sich umfassenden Fans. In unseren Augen werden Tränen stehen, aber wir werden sie nicht zur Kenntnis nehmen. Denn wir haben eine edle Aufgabe: Wir warten.

 

Klar, es gibt auch noch Szenarien irgendwo dazwischen. Aber es sind letztlich nur Abwandlungen der beiden Grundmodelle. Und für mich ist ohnedies klar, welches langfristige Szenario ich bevorzuge. Die radikale Isolation natürlich. Was denn sonst? Ich bin natürlich nicht so blöd, auch nur annäherungsweise mit der ersten, der entspannten Variante zu sympathisieren. Denn das, das wäre doch ein völlig kranker Umgang mit einer Krankheit. Oder? Zumal es natürlich auch mich mitten im Leben erwischen könnte...