Ich, der Idiot vom Dienst

Neulich versuchte ich mich wieder einmal an einer dieser schlauen Knobelaufgaben, mit denen die Lehrer neuerdings ihre Schüler beglücken. Ich glaube, sie richtete sich an Jugendliche in der 7. Klasse auf Sekundarstufe. Ich will die Aufgabenstellung nicht ausführlich schildern. Nur so viel: Es ging um die Aufteilung eines Wüstenreichs an vier Brüder unter spezieller Berücksichtigung der Grenzverläufe. Die Lösung musste ich auf einer vorgefertigten Zeichnung eintragen.

 

Im Grossreich, das zu vier kleineren Reichen werden sollte, waren vier Motive eingezeichnet: eine orientalische Stadt, eine Oase, ein Brunnen, eine Karawanserei. Was bedeuteten diese vier Symbole? Darüber schwieg sich die schriftliche Anweisung aus. War ja auch nicht nötig; die Generation Handy weiss auch ohne Worte, was zu tun ist. Ich versetzte mich also in einen digitalnativen Siebtklässler und kombinierte: Jedes der vier neuen Königreiche muss nebst den richtigen Grenzen auch noch eines dieser Motive haben, als Hauptstadt. Ist doch logisch, oder?

 

Darauf folgte ein stundenlanges Nachsinnen, Grübeln, Pröbeln, Tüfteln und Skizzieren. Beim Test in der Schule wäre ich längst durchgefallen, für diese Aufgabe waren nicht mehr als fünf, höchstens sieben Minuten vorgesehen. Aber immerhin: Nach einem Nachmittag anstrengender Gedankenarbeit hatte ich es geschafft. Jeder der vier Brüder bekam sein Reich, dazu eine Hauptstadt und einen Grenzverlauf, der die Bedingungen erfüllte.

 

Als ich mein zugegebenermassen etwas bizarres, aber stimmiges und gerechtes, geradezu salomonisches Ergebnis mit dem Resultat auf dem Lösungsblatt verglich, ärgerte ich mich grün und blau und gelb: Das Blatt zeigte eine Lösung, auf die ich bereits nach drei Minuten gekommen war, aber sogleich wieder verworfen hatte, weil es mit den Hauptstädten nicht aufging. Deprimiert musste ich nun zur Kenntnis nehmen: Meine clevere Überlegung war nichts wert. Stadt, Oase, Brunnen und Wüstenherberge hatten in dieser Aufgabe keine Bedeutung, überhaupt keine.

 

Was ich daraus lerne? Ich denke zu viel und zu weit, und das nicht zum ersten Mal. Bin folglich zu dumm für die heutige Zeit. Frisch und selbstbewusst auf die erstbeste Lösung los, so lautet die Devise des Erfolgreichen. Ob’s dabei irgendwelche unlogischen oder störenden Begleitumstände gibt – wie fehlende Hauptstädte und ähnliche Nebensachen –, spielt keine Rolle.

 

Besonders schlimm ist es bei Tests am Computer: Hier kann man nicht einmal nachfragen. Der Maschine sind die skrupulösen Gedanken des alternden Prüflings egal. Spuck die Lösung einfach aus, sagt sie. Einfach im wahrsten Sinn des Wortes, so einfach als möglich. Und bitte schnell. Dann machst du hundert Punkte.

 

Gut, diese Lektion habe ich gelernt. Und wage doch ganz leise nachzufragen: Was geschieht mit unserer Kreativität, wenn wir uns daran gewöhnen, dass stets die simpelste und offensichtlichste Lösung auch die richtige Lösung ist?