Der tägliche Horror in der Zahlenhölle

Früher hatte ich hin und wieder diesen Traum: Ich trage meinen Mathe-Lehrer wie einen Sack über der Schulter und balanciere halsbrecherisch über einen Fassadensims am zweiten Obergeschoss des Gymnasiums, immer einen Zentimeter neben dem Abgrund. «Lass mich nicht fallen», bettelt der Lehrer ängstlich. Ich lache hämisch.

 

In der schulischen Realität war es umgekehrt. Ich war es, der innerlich zitterte und bettelte. Ich war in Mathematik nicht nur schlecht, ich war unterirdisch schlecht. Das traf praktisch auf die ganze Klasse zu. Während sich der Lehrer an der Wandtafel mit seinen Zahlenreihen, Formeln und Gleichungen selbst unterhielt, schalteten ich ab und begab mich auf Kopfreise in musikalische Gefilde, denn meine Leidenschaft war die Musik, nicht die Mathematik.

 

Auf mein damaliges Desinteresse gegenüber der exaktesten aller exakten Naturwissenschaften bin ich alles andere als stolz. Aber ich kann meine Verweigerung auch heute noch, 40 Jahre später, nachvollziehen und entschuldigen. Denn Mathematik ist, vor allem, wenn sie komplexer wird, eine Frage des Talents, nicht des Lerneifers. Wer die angeborene Gabe nicht hat, wird es nie begreifen. Es ist wie in der Musik: Wen die Muse nie geküsst hat, wird es nie zum Meisterpianisten bringen, garantiert.

 

Ich hatte das Mathe-Gen nicht, und ich wusste schon früh, dass ich nicht Mathematiker, Physiker, Ingenieur, Statistiker oder Raketenbauer werden wollte. Deshalb war es mir völlig unverständlich, weshalb ich mich in der Schule mit Doppelbrüchen, algebraischen Umformulierungen, Gleichungen mit mehreren Unbekannten, Sinus, Kosinus, Tangens, Kurvendiskussionen und Vektorgeometrie herumschlagen musste. Ich wusste nicht einmal, wozu das im gewöhnlichen Leben gut sein sollte, und den Lehrer hatte ich im Verdacht, es auch nicht zu wissen. Er hat es uns jedenfalls nie gesagt.

 

Tatsächlich bin ich mit diesen Künsten seither nie mehr in Berührung gekommen. Meine Alltagsmathematik beschränkt sich auf die Grundoperationen, den Dreisatz und etwas Prozentrechnung. Das kann ich, immerhin. Und bei Bedarf auch mal ein Häppchen Geometrie auf Grundniveau. Ich habe mein Leben auch ohne die Eulersche Identität und die binomischen Formeln ganz gut im Griff.

 

Ungezählte meiner Mitmenschen können von sich dasselbe sagen. Liebe Pädagoginnen und Pädagogen, hört also auf, mathematisch Unbegabte an den Schulen durch die Mangel zu drehen. Es kommt euch ja auch nicht in den Sinn, im Musikunterricht einen Jungen ohne angeborenes Rhythmusgefühl zum Jazzdrummer zu trimmen. Weshalb also zahlenferne Menschen mit Dingen quälen, die sie nie begreifen und später auch nie brauchen werden? Jene, die zu den kleinen Einsteins zählen, kann man gezielt fördern. Der weniger begnadete Rest sollte bei den Sätzchenrechnungen bleiben dürfen. Die sind zwar meist doof, aber immerhin lösbar.

 

PS: Wer nach der Lektüre dieser unterrichtskritischen Betrachtung allenfalls auf den Gedanken käme, ich wüsste die grossartigen Errungenschaften der Menschheit, die dank der Mathematik zustande kamen, nicht zu schätzen, hätte mich gründlich missverstanden.