Als wär’s ein Gruss von Hermann Hesse

Neulich kaufte mir der jüngere meiner beiden Söhne in einem Antiquariat ein gut erhaltenes Exemplar eines Romans, den ich bereits vor einiger Zeit leihweise gelesen hatte, irgendwann aber auch noch erwerben wollte: «Das Glasperlenspiel» von Hermann Hesse. So griff ich denn in der erstbesten Mussestunde erwartungsfroh nach dem literarischen Geschenk, um wieder einmal einzutauchen in die wundersame Welt des Glasperlenspiels und seines Hochmeisters Josef Knecht.

 

Als ich den Band aufschlug, erwartete mich eine kleine Überraschung in Form eines Klarsichtkuverts, das der Vorbesitzer zur würdigen Aufbewahrung zwischen die letzte Seite und den Buchdeckel geschoben hatte. Es enthielt eine zusammengefaltete Zeitungsseite mit einer ausführlichen und kritischen Betrachtung zu Hesses «Glasperlenspiel», verfasst von der Schriftstellerin Renate Schostack.

 

Im Kuvert lag weiter ein Notizzettel in der Grösse einer Visitenkarte, von Hand beschrieben mit der folgenden Nachricht: «Für Herrn Saladin mit den besten Wünschen für das neue Jahr 1970.» Dann als Unterschrift zwei Initiale, verbunden mit einem «und», schliesslich der Nachname: Hesse!

 

Natürlich war mir sofort klar, dass dieser mit Tinte und etwas flüchtiger Hand geschriebene Satz nicht aus dem Füllfederhalter des grossen Literaten und Nobelpreisträgers stammen kann, denn dieser starb bereits 1962.

 

Ich begann zu kombinieren. Beim Schreiber muss es sich um einen (männlichen) Hesse-Nachfahren gehandelt haben. Um welchen? Das erste Initial ist eventuell ein I, das zweite mit Sicherheit ein S. Vermutlich grüsste dieser Hesse zum Jahreswechsel auch im Namen seiner Frau. Geht man nun davon aus, dass er sie, wie es die Höflichkeit gebietet, an die erste Stelle seiner Unterschrift setzte, gehört das I zu ihr, das S hingegen zu ihm.

 

Der Blick auf einen Stammbaum im Internet zeigt: Hermann Hesse hatte drei Söhne, keiner trug einen Vornamen, der mit S beginnt. Bei der Enkelgeneration sieht es männlicherseits schon ergiebiger aus: Silver und Simon Hesse. Aber welchen der beiden S hat der schöne Zufall in meine Hand flattern lassen?

 

Das muss wohl ein Geheimnis bleiben. Ich halte das Kärtchen so oder so in Ehren. Obwohl ich finde, dass es durchaus eine frühere Jahreszahl und die Unterschrift «H. Hesse» hätte sein dürfen.

 

Nachtrag: Das Geheimnis ist jetzt, gut vier Jahre nach Niederschrift meiner Spekulationen, gelüftet. Neulich brachte ich die geheimnisvolle Grusskarte gegenüber einem älteren Journalistenkollegen zur Sprache. Er kenne Silver Hesse persönlich und werde ihm gerne ein Foto des Kärtchens mailen, anerbot er sich. Silver Hesse antwortete auf die Mailanfrage prompt mit den folgenden Zeilen: «Ich bin etwas überfragt, doch halte ich es für möglich und sogar wahrscheinlich, dass den Neujahrsgruss 1970 Isabelle und Sibylle, die Witwe und Tochter meines 1968 verstorbenen Onkels Martin Hesse, geschrieben haben. Die Handschrift von Isabelle Hesse meine ich zu kennen.»

Anders gesagt: Der Gruss stammt mit grösster Wahrscheinlichkeit von Hermann Hesses Schwiegertochter Isabelle und seiner Enkelin Sibylle; ich hatte mich bei meinen kombinatorischen Gedanken zu sehr darauf versteift, dass es sich um die Zeilen eines männlichen Hesse-Nachfahren handeln müsse. Warum eigentlich? Ich wäre als Detektiv wohl nur bedingt zu gebrauchen ...