Der Alligator im Stadtbach

Im Burgdorfer Tiergarten-Quartier, wo der Mühlebach mit dem Allmendbach zusammenfliesst, wächst auf dem halbinselförmigen Landspickel zwischen den beiden Gewässern ein Gewirr aus Bäumen, Büschen, Sträuchern und allerlei Ranken und Stauden. Es ist ein Dschungel im Kleinformat.

 

Auf meinen Spaziergängen bleibe ich gerne auf dem Velo- und Fussgängerbrücklein kurz vor der Bahnunterführung stehen, schaue ins grünlich transparente, ruhig dahinfliessende Wasser und lasse die Regenwaldstimmung der schmalen Halbinsel auf mich einwirken.

 

Oft sehe ich über dem Wasser exotisch anmutende, blau geflügelte Prachtlibellen schwirren; allerlei Vögel setzen sich auf den Ästen nieder; rote Beeren leuchten aus dem Grün, und im Wasser stellen sich zwei, drei kleine Fische gegen die Strömung.

 

Auch der eine meiner beiden Söhne liebt es, auf seinem täglichen Abendbummel auf dem Steg zu stehen und über das Holzgeländer ins Wasser zu schauen. Er ist in der Regel später unterwegs als ich, meist zur Dämmerungszeit. Vielleicht hat das einen Einfluss auf seine Sichtungen. Vielleicht ist er aber einfach nur öfter dort als ich. Jedenfalls weiss er Erstaunliches zu berichten.

 

Manchmal sehe er nebst den üblichen kleinen auch grössere und sogar grosse Fische, sagt er. Forellen, prächtige, halbmeterlange Exemplare. Und ab und zu einen Krebs, also einen richtigen Flusskrebs, mit Panzer, Scheren, Krabbelbeinen und allem, sich kurz zeigend und dann wieder in sein Versteck hinter einer Wurzel krabbelnd.

 

Einmal erschrak der Beobachter heftig: Unter der Brücke tauchte plötzlich ein Wesen auf, dessen Grösse das, was man in einem Stadtbach gemeinhin erwarten darf, bei Weitem übertraf: ein dicker, stiernackig wirkender Fisch, schuppenlos, wohl gegen zwei Meter lang, mit auffallenden Fühlern am grossen Maul. Gravitätisch schwamm er in Richtung Wasserkraftwerk bei der Fachhochschule.

 

«Ein Wels», sagte ich, als mir der Junior von seiner Sichtung berichtete. Und fühlte mich an Mark Twains Roman «Tom Sawyer» und die darin vorkommenden Schilderungen der Mississippi-Fauna erinnert.

 

Ein paar Wochen später wartete der Filius nach seinem Abendspaziergang erneut mit einer aufregenden Nachricht auf. Als er ins Wasser des Bachs geschaut habe, sei auf einmal in der sanften Strömung ein erschreckendes Reptil erschienen, vielleicht anderthalb Meter lang, mit gefrässiger Schnauze, langem, höckrigem Schwanz und träge paddelnden Klauen. Er habe zuerst seinen Augen nicht getraut, dann aber klar erkannt, dass es sich um nichts anderes als um einen kleinen Alligator handle.

 

Mein Junior ist kein Handy-Knipser, deshalb haben wir von dieser Sichtung kein Foto. Statt zu knipsen, rief er sofort die Polizei an, die ihn bat, an Ort und Stelle zu bleiben und zu warten. Bereits wenige Minuten später erschienen zwei Beamte und wollten wissen, in welche Richtung sich das Reptil verzogen habe. Das sei der Alligator, der von einem privaten Halter entwichen sei. Eine entsprechende Meldung sei unlängst eingegangen. Bald werde ein Spezialist eintreffen und das Tier einfangen. Mein Sohn setzte daraufhin seinen Spaziergang fort.

 

Und ich, ich komme seither aus dem Staunen kaum mehr heraus: Welse und Alligatoren in den innerstädtischen Fliessgewässern von Burgdorf! Ich werde meine Aufenthalte auf dem Brücklein von nun an intensivieren, in der Hoffnung, demnächst auch einmal ein besonderes Tier zu erspähen. Zum Beispiel eine tropische Wasserschildkröte. Oder eine grüne Anakonda. Oder ein Schwarm Piranhas. Oder vielleicht sogar ein Nilpferd. Ein kleines würde mir schon genügen.