Zwischen Aarwangen und Luzern gibt es einige Gasthäuser zum wilden Mann. Warum heissen sie so? Dazu hörte ich einst eine spannende Erklärung. Inzwischen habe ich ein bisschen darüber nachgedacht – und komme zum Schluss: Ja, da könnte etwas dran sein.
Vor vielleicht zwanzig Jahren plauderte ich in den Wynigenbergen mit einem Einheimischen über dies und das, vor allem über die schöne Gegend, lohnende Wanderrouten und lokale Besonderheiten.
Speziell sprachen wir auch über das Restaurant zum wilden Mann im Weiler Ferrenberg, das auf seinem Wirtshausschild einen Afrikaner mit Bastrock, Halskette, Nasenring, Ohrschmuck, Pfeil und Bogen
zeigt.
Dabei kam mein Gegenüber auf eine Hypothese zu sprechen, die man sich in der Gegend seit Generationen weitergibt. Sie hat mich seither nicht mehr losgelassen. Ob sie stimmt, weisst ich nicht,
Beweise gibt es keine. Immerhin scheint sie aufgrund gewisser Indizien nicht ganz unplausibel zu sein.
Speis, Trank und Stall
Und dies ist die Geschichte, die mir der Mann erzählte und die ich jetzt endlich einmal festhalten und weitergeben möchte. Es sei auffallend, berichtete mein Gewährsmann, dass es in Aarwangen,
Wynigen, auf dem Ferrenberg, in Sursee und Luzern je eine Gaststätte mit dem Namen Wilder Mann gebe, dazu in Huttwil und Willisau einen Gasthof Mohren (in Huttwil heisst das betreffende Hotel
seit ein paar Jahren Guter Hirte). Bemerkenswert ist, dass die Betriebe alle an einer historischen, einst rege befahrenen Route von Basel nach Luzern liegen.
Ursprünglich habe es sich bei diesen Gaststätten um Wegstationen mit Speis, Trank, Bett und Pferdeställen gehandelt, sagte der Mann weiter. Zur Zeit des Ancien Régime seien sie vor allem von
Fuhrleuten frequentiert worden, die mit Ross und Wagen kostbare Fracht nach Luzern transportiert hätten. Zum Beispiel Waren aus den niederländischen Besitzungen in Indonesien und Afrika.
Die Niederländer hätten oft Einheimische aus ihren Kolonien als Fuhrleute beschäftigt, dunkelhäutige Menschen afrikanischen oder indonesischen Typs. Männer also, die man damals in Europa
gemeinhin als «Wilde» apostrophierte und mit Baströcken, Fellschurzen, exotisch bunten Gewändern, Keulen und anderen archaischen Waffen assoziierte – obwohl sie auf Europas Strassen bestimmt in
unauffälligerer Tracht unterwegs waren.
Und weil man eben recht häufig auch solche «wilden» oder zumindest fremd anmutenden Fuhrknechte in den Trinkstuben an der Route angetroffen haben soll, gab man den Häusern irgendwann den Namen
Wilder Mann oder Mohren, nach dem legendären dunkelhäutigen Mauritius, dem römischen Offizier und Märtyrer aus Afrika.
Vom Schiff aufs Fuhrwerk
Soweit also die historische Hypothese aus den Wynigenbergen. Sie mutet etwas fantastisch an, ist vielleicht aber doch nicht ganz aus der Luft gegriffen. In alten Zeiten wurde die koloniale
Handelsware aus den Niederlanden, zum Beispiel Gewürze, Kaffee, Tee und indische Stoffe, vom Hafen in Rotterdam auf dem Rhein bis Basel verschifft – wo es interessanterweise von 1547 bis 1877
ebenfalls eine Herberge zum wilden Mann gab.
Ab Basel kamen Fuhrwerke zum Einsatz. Eine der Routen verlief durch die Klus von Balsthal nach Aarwangen und dann via Langenthal, Huttwil, Willisau und Sursee nach Luzern.
Ab Luzern gelangte der für Italien bestimmte Teil der Waren mit Lastkähnen, den sogenannten Nauen, über den See nach Flüelen und von dort mit Saumtieren über den Gotthardpass in den Süden.
Das Emmental als Transitregion
Das verzweigte Wegnetz des Emmentals muss bereits in früher Zeit Teil einer Verbindung vom Norden in den Süden gewesen sein. Der Burgenforscher und Autor Jonas Glanzmann schreibt in seinem Buch
«Emmental. Eine Landschaft erzählt Geschichte» (2018) unter anderem: «Das Emmental war seit Beginn der Besiedlung mit den umliegenden stärker besiedelten Landesteilen verbunden. Seine
Siedlungsgeschichte ist stark verknüpft mit den regionalen und überregionalen verkehrsgeschichtlichen Bezügen.»
Der Verlauf der alten Routen lässt sich unter anderem anhand der zahlreichen, oft kaum mehr sichtbaren Burgstellen im Gelände rekonstruieren: Diese Befestigungsanlagen dienten einst der
Strassensicherung. Weitere markante Wegbegleiter waren Kirchen und Klöster – und, eben, auch Gaststätten.
Der direkte Weg von Langenthal nach Huttwil führte entweder über Melchnau oder Madiswil und nicht über Wynigen. Falls aber ein Fuhrmann zuerst auch noch Ware bei Kaufleuten in der Berner
Landstadt Burgdorf abzuliefern hatte, war er besser beraten, wenn er danach nicht mehr zurückfuhr bis Langenthal, sondern bereits in Wynigen ostwärts abzweigte und die Passroute über den
Ferrenberg nahm.
Dass diese Verbindung bereits in alten Zeiten existierte, zeigt ein Blick auf das Verzeichnis der historischen Verkehrswege im Kanton Bern. Und die Burgstelle auf dem Friesenberghubel ganz in der
Nähe des Weilers Ferrenberg ist ein zusätzliches Indiz, dass es sich um eine Strasse von einiger Bedeutung gehandelt haben muss.
Die legendäre Familie Wild
Nicht so recht in die Kette der mutmasslichen Fuhrmannstavernen passt allerdings das betreffende Lokal mitten im Dorf Wynigen gleich neben der Kirche. Aktenkundig wird es erst ab 1834 als Gasthof
zum wilden Mann, 1974 ging das Lokal zu. Der Name scheint an die Familie Wild anzuklingen, auf deren einstigem Grund und Boden der spätbarocke Bau im Jahr 1790 von einem gewissen Ulrich Jost
errichtet worden war. Das stattliche Gebäude wird auch als Landsitz Wild bezeichnet.
Familie Wild hatte während sieben Generationen auf ihrem Gut auch schon eine Taverne geführt. Hiess das Lokal ebenfalls Wilder Mann? Darüber schweigen die Quellen. So oder so könnte der erst seit 1834 greifbare Name der Gaststätte beides sein: eine Hommage an die vormalige Wirtefamilie Wild und eine Erinnerung an die afrikanischen und malaiischen Fuhrleute, die einst als weit gereiste und bestaunte Fremde auf den staubigen Strassen des Emmentals mit Waren aus fernen, geradezu märchenhaft anmutenden Erdteilen unterwegs waren. Fall es denn so war. Und sonst – ist es zumindest gut erfunden.
© Hans Herrmann
Geschrieben im Mai 2026