Gerechtigkeit für die Aare!

Beim Zusammenfluss von Aare und Rhein müsste der Rhein nach geografischer Regel seinen Namen eigentlich abgeben und fortan Aare heissen. Seltsamerweise ist es in diesem speziellen Fall gerade umgekehrt: Die Aare wird zum Rhein. Als Bewohner des Kantons Bern und somit als Aare-Patriot sage ich: Das darf nicht sein! Aber wie lässt sich dieses Problem bloss lösen?

Bei Koblenz im Kanton Aargau (nicht zu verwechseln mit der Stadt Koblenz in Deutschland) ereignet sich jeden Tag zu jeder Sekunde eine geografische Unstimmigkeit der Sonderklasse: In dem Moment, in dem sich die aus südlicher Richtung nähernde Aare mit dem von Osten kommenden Rhein vereint, verliert sie ihre Identität – und fliesst unter dem Namen Rhein weiter, zuerst westwärts nach Basel und dann nordwärts durch Deutschland.

 

Unstimmig ist dies deshalb, weil die Aare am Ort des Zusammenflusses im langjährigen Mittel 25 Prozent mehr Wasser führt als der Rhein und somit nach hydrologischer Regel der Hauptfluss ist. Also fliesst eigentlich der Rhein in die Aare, nicht umgekehrt. Und deshalb müsste die Aare weiterhin Aare heissen, bis sie sich bei Rotterdam in die Nordsee ergiesst.

 

Die alten Römer sind schuld

Warum wird in diesem besonderen Fall der Nebenfluss eigentlich zum Hauptfluss? Hierzu gibt er mehrere Theorien. Die plausibelste ist wohl die, dass der Rhein zur Zeit des römischen Imperiums Teil einer wichtigen Verbindung von Rom über die Bündner Pässe in die germanischen Provinzen war. Die Wasserstrasse nördlich der Alpen, die zugleich die Reichsgrenze markierte, nach dem Zusammenfluss mit der Aare plötzlich anders zu nennen, fanden die Römer offenbar wenig sinnvoll.

 

Ich hingegen, ich finde es ungerecht, dass die Aare nicht die Aare bleiben darf. Und fordere Gerechtigkeit: Gebt der Aare den gestohlenen Namen zurück! Immerhin ist sie der Fluss, der die verschiedenen Regionen des Kantons Bern vom wilden Hochgebirge des Oberlands bis in die sanften Gefilde des Oberaargaus miteinander verbindet. Da wird man als Berner Regionalpatriot, der ich nun mal bin, wohl verlangen dürfen, dass diesem Fluss jene geografische Reverenz erwiesen wird, die ihm gebührt, gerade auch als wasserreichster Fluss der ganzen Schweiz.

 

Also: Es werde der Rhein ab Koblenz zur Aare. Somit liegt Basel neu an der Aare, desgleichen Konstanz, Mannheim, Mainz, Bonn und Köln; Neuenburg am Rhein muss sich in Neuenburg an der Aare umbenennen, und das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfahlen wird zu Nordaar-Westfahlen. Und der Konzern Rheinmetall? Aarmetall klingt auch nicht schlecht, geradezu martialisch. Passt ja für eine Waffenschmiede.

 

Sagen, Burgen und Wein

Aber wenn ich es mir genau überlege, will ich mit meinem Vorschlag doch nicht so richtig warm werden. Der Rhein ist eben nicht nur eine geografische Gegebenheit, sondern auch ein kultureller Faktor. Der Rhein – welche Gedanken poetischer und historischer Natur werden bei diesem fast magischen Flussnamen wach!

 

Der Rhein ist ein wichtiger Schauplatz des Nibelungenlieds, der grossartigen Nationalsage der Deutschen. Der Rheinwein und der rheinische Frohsinn sind legendär, die romantische Burgenlandschaft im Mittelrheintal desgleichen. Das vaterländische Lied «Die Wacht am Rhein» würde unter dem Titel «Die Wacht an der Aare» niemals dieses heroische Pathos entfalten, und Heinrich Heines Gedicht von der Loreley verlöre seine Prägnanz, wenn die verführerische Flussfee nicht am Rhein, sondern an der Aare sässe und sänge.

 

Weiter: Dass die gelehrte Klosterfrau und Mystikerin Hildegard von Bingen (1098–1179) und der von mir sehr geschätzte Dichter Stefan George (1868–1933) plötzlich nicht mehr mit dem Rhein, sondern mit der Aare in Verbindung stünden, will mir auch nicht wirklich gefallen. Schon gar nicht, dass das mythische, von Richard Wagner in Wort und Ton gesetzte Rheingold zum fremdartigen Aargold mutieren würde.

 

Die perfekte Regelung

Nein, den Rhein in Aare umzubenennen, kann die Lösung nicht sein, um geografische Gerechtigkeit herzustellen. Ich habe eine bessere Idee. Statt unseren deutschen Nachbarn eine Aare aufzudrängen, die sie vermutlich gar nicht haben wollen, lösen wir die Sache lieber innerschweizerisch, indem wir einen kleinen Namenstausch vornehmen. Aus dem Rhein wird die Aare, und aus der Aare wird der Rhein.

 

Somit entspringt die Aare neu in Form zweier Quellflüsse im Kanton Graubünden, fliesst durch den Bodensee und am malerischen Stein am Rhein – pardon, Stein an der Aare – vorbei, donnert bei Schaffhausen über den stiebenden Aarfall, bildet bei Aarau, das bisher Rheinau hiess, eine Doppelschleife und zieht danach weiter ihres Wegs bis Koblenz im Kanton Rheingau, wo sie sich mit dem von Meiringen, Bern, Solothurn, Olten und Brugg herkommenden wasserreicheren Rhein vereinigt. Von hier an ist alles wieder wie gewohnt: Als Rhein geht’s weiter nach Basel und in die deutschen Lande.

 

Ja, diese Idee gefällt mir. Dass der Berg, an dem der Rhein neu entspringt, nicht mehr Finsteraarhorn, sondern Finsterrheinhorn heisst, ist unproblematisch. Zu verschmerzen ist auch, dass die Berner Aarelyrik zur Rheinlyrik wird umgedichtet werden müssen. Erstere ist hinter den weltliterarischen Rheingedichten aus deutscher Dichterfeder in dieser und jener Hinsicht stets zurückgeblieben und kann durch eine Rheinisierung nur gewinnen.

 

Und was ist mit dem Aareschwumm, diesem traditionellen und geradezu rituellen Sommervergnügen der Stadtberner Einheimischen und Zugezogenen? Geht schon, kein Problem. Hoppla, ihr Leute von Bern: Dann also rein in den Rhein!

 

© Hans Herrmann

Geschrieben im April 2026