Die Jünger des Rauschgottes

Schon mal etwas vom sogenannten Bacchanalienskandal gehört? Die darin verstrickten Personen, 7000 an der Zahl, bildeten im alten Rom ein lasterhaftes Netzwerk, das auffallende Parallelen zum aktuellen Fall Epstein aufweist.

Dies beschäftigt derzeit die ganze westliche Welt: Das US-amerikanische Justizministerium hat ein gigantisches Konvolut an Unterlagen veröffentlicht, die den prominenten Kreis um den amerikanischen Finanzmagnaten und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein schwer belasten. Sie tun dies aber auf derart diffuse, vieldeutige und codierte Art, dass es nach derzeitigem Stand der Dinge wohl nur in Einzelfällen für ein Strafverfahren ausreichen dürfte.

 

Hinzu kommt, dass die Leute, die in den Akten auftauchen, zu den Reichsten und Mächtigsten der Gegenwart gehören: Wirtschaftskapitäne, Wissenschaftler, Politiker, Kulturschaffende, Angehörige des europäischen Hochadels und andere mehr. Sie gebieten über Mittel und Wege, allfällige Straftaten zu verschleiern – und Jeffrey Epstein selbst, der Strippenzieher, kann dazu nichts mehr sagen. Er ist 2019 im Gefängnis gestorben. Durch Suizid. Oder durch als Suizid getarnten Mord, wie manche munkeln.

 

Die Orgien-Insel

Vieles ist also im Dunkeln, Halbdämmrigen und Diffusen und wird es wohl auch bleiben. Gesichert aber ist, dass Epstein manchen seiner einflussreichen Freunden beziehungsweise Kunden auf seiner privaten Orgien-Insel in der Karibik Dinge ermöglichte, die man nur als widerwärtig und verwerflich bezeichnen kann. Dazu zählt insbesondere Sex mit deutlich Minderjährigen, offenbar zum Teil in osteuropäischen Ländern «rekrutiert». Im Netz kursieren auch Gerüchte über sadistische Folterungen bis hin zu rituellem Mord.

 

Wie es um Schuld, Mitschuld, Mitwissen, Verstrickung und blosser Kontaktschuld steht, wird – vielleicht – die Zeit weisen. Was mich im Moment beschäftigt, die die Frage: Was sagt uns dieser Skandal? Ist er das Zeichen einer chaotischen Zeit des Übergangs, einer sich auflösenden, hyperliberalen, dekadenten und amoralischen Gesellschaft?

 

Man könnte es so sehen. Gerade mit Blick auf die Libertinage des französischen Adels am Vorabend der Revolution von 1789 oder auf die Renaissance-Gräuel an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Es gab und gibt solche Vorfälle aber auch in stabilen Zeiten. Der Mensch ist nun mal aus krummem Holz geschnitzt. Bietet sich Gelegenheit, lässt er sich, je nach persönlicher Veranlagung, gerne verführen.

 

Ein Beispiel aus alter Zeit, das auffallende Parallelen zum aktuellen Epstein-Fall aufweist, ist der sogenannte Bacchanalien-Skandal. Da ihn vermutlich nur wenige kennen, erlaube ich mir, ihn aus gegebenem Anlass kurz darzustellen.

 

Das Vitale und das Triebhafte

Der Skandal ereignete sich 186 v. Chr. in Rom in einer kultischen Gemeinschaft, die den Gott Bacchus verehrte. So nannten die Römer den griechischen Gott Dionysos, bei dem es sich um eine der geheimnisvollsten Gottheiten des antiken Pantheons handelt.

 

Dionysos beziehungsweise Bacchus ist ein chthonischer, das heisst ein erdverbundener Gott und somit eine Macht, die eng mit der Vegetation und der Dualität von Werden und Vergehen in Verbindung steht. Und ebenso mit schöpferischem Rausch und rauschhafter Zerstörung, mit Trieb und Raserei – mit Eigenschaften also, welche auch die Sexualität kennzeichnen, jene im hellen wie im dunklen Sinn selbstentäussernde Kraft.

 

So erstaunt es weiter nicht, dass die kultischen Feiern, an denen Bacchus verehrt wurde, mit Rausch und heiliger bis unheiliger Raserei verbunden waren, mit exzessivem Weingenuss, sexueller Ausschweifung und Opferriten, bei denen Ziegen angeblich mit blossen Händen gerissen und dann roh verzehrt wurden. Auch von Menschenopfern an den Bacchanalien ist die Rede.

 

Was Livius berichtet

In den vorchristlichen 180er-Jahren gab es im alten Rom eine grosse Gemeinde von Bacchus-Verehrern, die es bei ihren geheimen nächtlichen Kulthandlungen offenbar besonders wüst trieben. Der Historiker Titus Livius berichtet von Völlerei und Alkoholexzessen, Unzucht, Vergewaltigungen, ritueller Folter, dämonischer Besessenheit, Fackelwundern und Menschenschlachtungen. Die Schreie der Opfer seien vom ekstatischen Geheul der Feiernden sowie dem Getön der Trommeln und Zimbeln übertönt worden.

 

Auch im Alltag seien die Bacchanten skrupellos gewesen, hätten Verleumdungen begangen, Falschaussagen, Urkundenfälschung, Giftmischerei und Mord bis hinein in die eigenen Familien. Dieses Übel habe sich wie eine ansteckende Krankheit und dennoch in aller Heimlichkeit ausgebreitet, fast wie ein Schattenstaat.

 

Der Konsul greift durch

Dann aber kam alles an den Tag. Ein adliger Jüngling namens Aebutius war nämlich von seinem Stiefvater angewiesen worden, sich dem Bacchuskult anzuschliessen. Der Stiefvater hoffte, seinen ungeliebten Stiefsohn auf diese Weise loszuwerden. Dieser würde, so das Kalkül, entweder sittlich und körperlich bis zum Siechtum geschwächt oder aber als rituelles Opfer von den Priestern umgebracht werden.

 

Der junge Mann zog seine Geliebte Hispala ins Vertrauen. Die ehemalige Sklavin hatte einst ihre Herrin an die Bacchanalien begleiten müssen und wusste, was ihren Geliebten dort erwarten würde. Sie riet ihm dringend ab, hinzugehen, und berichtete dem Konsul Spurius Postumius alles, was sie über den geheimen Kult wusste.

 

Der erzürnte Konsul handelte entschlossen. Er informierte den Senat und die Bevölkerung über diese Untergrundbewegung und liess umfassende Ermittlungen anstellen. Priester und Eingeweihte wurden aufgespürt und vor ein Gericht gestellt. Insgesamt 7000 Menschen sollen zur bacchantischen Verschwörung gehört haben. Wer bloss eingeweiht war, aber keine Verbrechen begangen hatte, erhielt eine Gefängnisstrafe. Die schuldige Mehrheit wurde hingerichtet.

 

Nach dieser juristischen Grossaktion erliess der Senat ein Verbot der Bacchusmysterien. Feiern zu Ehren dieses Gottes durften nur noch in Ausnahmefällen und unter Einhaltung strenger Einschränkungen stattfinden.

 

Theorie und Praxis

Ob es sich seinerzeit wirklich genau so zugetragen hat, wie es Livius 170 Jahre später in seinem Werk «ab urbe condita» niederschrieb, ist unter Historikern umstritten. Ein authentisches Zeugnis ist aber erhalten, nämlich der ausführliche Erlass des Senats auf einer bronzenen Tafel, immerhin.

 

Dieser Vorfall und ähnliche Skandale zeigen: Nicht alles, was nach Verschwörung riecht, ist eine blosse Verschwörungstheorie. Manchmal ist es sogar eine echte Verschwörung. Oder zumindest ein verschworenes Netzwerk. Dagegen vorgehen lässt sich nur mit Entschlossenheit. Und mit dem unbedingten Willen zur Gerechtigkeit. Wer ist Mitwisser, wer Mittäter, wer Opfer, wer unschuldig? Ob sich heute, mit den Mitteln der vorverurteilenden elektronischen Massenmedien, diese Art von Gerechtigkeit herstellen lässt, muss leider bezweifelt werden.

 

© Hans Herrmann

Geschrieben im Februar 2026